Ich glaube nicht, ich hoffe


von Thomas Winkelmüller am

Ich habe den Glauben und vor allem das Glauben ziemlich aus meinem Leben gestrichen – zumindest bin ich darum bemüht. Nein, Glauben in der Praxis ist nichts für mich. Eine imaginierte Stütze, um sich das Leben und im religiösen Kontext des Glaubens vor allem das Abschiednehmen leichter zu machen. Was Menschen nicht wissen, das glauben sie zumindest gerne und so werden die komplexesten Themen für sie erklärlich.

Und obwohl ich nicht glauben möchte – an einen Gott zu glauben gar nicht in der Lage bin – sehe ich immer wieder welche Steine Menschen aus ihrem Glauben heraus ins Rollen bringen. Zugegebenermaßen erstreckt sich die Palette der metaphorischen „Glaubens-Steine“ vom Felsrutsch, der eine Gruppe Wanderer unter sich begräbt, bis hin zu den Steinen, die uns ein Dach über dem Kopf schaffen. In den nächsten Zeilen möchte ich mich ausdrücklich auf letzteres Sinnbild beschränken, da ich ja eigentlich über das Figlhaus und mich schreibe.

Wie ich in die Schenkenstraße 2 und in meine Position als Organisator des dortigen Medien-Lehrgangs geraten bin, möchte ich nicht lange erörtern. Rückblickend muss ich der Transparenz wegen nur kurz anmerken, dass es ironischerweise über eine andere christliche Journalisten-Ausbildung war, obwohl ich selbst mit dem Glauben, wie erwähnt, ja absolut gar nichts am Hut habe. Aber sei’s drum. Die Frage, die ich mir selbst und auch anderen immer wieder gestellt habe, lautet also: Warum begeistert eine Einrichtung der katholischen Gemeinschaft Emmanuel einen Agnostiker?

Formuliert in aller Kürze, weil das Figlhaus anders ist als alles, das ich bis jetzt kennenlernen durfte. Hier leben Menschen ein Maß an Dialogbereitschaft, das ich nirgendwo sonst gesehen habe. Wie Otto Neubauer immer wieder betont, arbeiten im Haus eben echte Weltverbesserer. Das stimmt. Diese Menschen haben sich keine geringere Last aufgeladen, als mit ihrem Glauben die Welt zu einem objektiv besseren Ort zu machen. Was mich daran so begeistert ist, wie Religion dabei entscheidend und gleichzeitig unwesentlich bleibt. Ja, das Figlhaus existiert in dieser Form, plump gesagt, nur des Glaubens wegen. Es ist das, was sie existenziell im Innersten trägt und motiviert sich einzusetzen. Um ein Teil davon zu sein, ist es aber unwesentlich woran oder ob jemand überhaupt glaubt. Das Figlhaus will Menschen aller Weltanschauungen, Gläubige aller Konfessionen und Anhänger aller Parteien – also schlichtweg die ganze Gesellschaft – zusammenbringen. Aus PR-Sicht eigentlich wahnwitzig, wenn die Zielgruppe, vereinfacht gesagt, jeder ist. Trotzdem funktioniert diese Herkulesaufgabe der modernen Mission im 21. Jahrhundert irgendwie.

Das Figlhaus und seine Menschen, die mir mit ihrer fast schon fürsorglichen, offenen Art ans Herz gewachsen sind, haben mich zwar nicht zum Glauben gebracht. Eine Art der Mission, die – überspitzt gesagt, mit Bibel und Peitsche – überzeugen will, liegt ihnen ohnehin völlig fern. Sie haben etwas für mich viel Wertvolleres geschafft. Nämlich mir die gute Seite des Glaubens zu zeigen und mich selbst nicht glauben, sondern hoffen lassen. Hoffen auf eine Gesellschaft, in der Menschen unabhängig ihres politischen, sozialen oder religiösen Hintergrunds unvoreingenommen miteinander diskutieren und reden können. Zu sehen, dass es einen Ort gibt, wo all diese Menschen – ganz gleich ob FPÖler oder Linker, Muslima oder Atheist – ohne Grenzen miteinander auskommen, das gibt mir Hoffnung.

Welche sich durchaus vom Glauben unterscheidet. Wenn ich an etwas glauben würde, dann wäre ich davon überzeugt. Da führt kein Weg daran vorbei. Hoffe ich, ist mir hingegen allzu gut bewusst, wie falsch ich liegen mag. Aller Aussichtslosigkeit zum Trotz schöpfe ich von irgendwo her Kraft und verliere nicht meinen Optimismus. Das Figlhaus schenkt mir immer wieder diese Kraft. Ich hoffe wirklich, dass die Gruppe von Weltverbesserern mit ihrem Glauben unsere Gesellschaft Schritt für Schritt zu einem schöneren Ort machen kann – was ja auf den ersten Blick kaum zu glauben wäre!

Thomas Winkelmüller

Jungjournalist, DJ und Student der Rechtswissenschaften und der Kultur- und Sozialanthropologie.

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