Das Figlhaus und Leopold Figl

 

 

Figlhaus – Geschichte und Hintergrund

Das Figlhaus ist eng mit der beeindruckenden Geschichte von Leopold Figl und seiner unermüdlichen Aufbauarbeit nach dem zweiten Weltkrieg verbunden. Figl hat nach über sechs Jahren NS-Konzentrationslager und unmittelbar nach der Rückkehr aus dem KZ Mauthausen bzw. aus der Todeszelle des Wiener Landesgerichts in den Apriltagen 1945 im heutigen Figlhaus in der Schenkenstraße 2, dem ehem. NÖ Bauernbundhaus, die Lebensmittelversorgung für Wien aufgebaut. Bald darauf wurde er Bundeskanzler und Außenminister des österr. Staatsvertrags. Wie er im Geist des Dialogs und beherzter Glaubenskraft unterschiedlichste Menschen und einen Staat zusammengeführt hat, so versammelt heute die ‚Akademie für Dialog und Evangelisation‘ der internationalen kath. Gemeinschaft Emmanuel im Figlhaus Menschen aller Weltanschauungen und baut kräftig an einem geistvollen Miteinander der Gesellschaft. So gilt dieser Einsatz jetzt besonders den jungen Leuten, die sich für die einzigartige Friedens- und Zivilisationsleistung der Europäischen Union engagieren wollen. Die Vision, zwischen Kirche und Gesellschaft vielfältige und tragfähige Brücken zu bauen, konkretisiert sich ebenso darin, dass die Akademie im Figlhaus seit dem Jahr 2002 in enger Zusammenarbeit mit Kardinal Schönborn für die Kirche des deutschsprachigen Raums und weit darüber hinaus ein umfangreiches neues Programm einer innovativen und zeitgerechten Verkündigung entwickelt hat und immer weiter ausbaut.

 

Wenngleich die gesellschaftliche Situation heute eine gänzlich andere ist, so dient das menschliche Zeugnis Leopold Figls weiterhin als kraftvolle Inspiration und wichtiger Lernprozess für schwierige und herausfordernden Zeiten. Ein Ereignis zeigt dies skizzenhaft: Ende April 1945, nach sieben Jahren Barbarei und schwersten Unrechts haben ein paar Männer in den Straßen nicht unweit der Schenkenstraße einen nicht zu vergessenden Weg Richtung Parlament gemacht, um mit einer provisorischen Regierung erste Schritte einer wiederaufzubauenden Demokratie zu setzen. Es wird berichtet, dass sich hinter Karl Renner und Theodor Körner drei jüngere auf wundersame Weise Hand in Hand zusammenfanden. „Plötzlich schiebt sich ein Arm unter den (Leopold Figl) seinen . Sein Nebenmann, der Sozialdemokrat Schärf, hat sich untergehakt, Leopold Figl lächelt und tut dasselbe bei Koplenig, dem Kommunisten. In diesem Moment spüren alle drei: Sie sind die Jungen, auf sie kommt es an. Ob (parteipolitisch) rot, schwarz oder kommunistisch spielt keine Rolle: sie müssen zusammenarbeiten.“ Dieses Bild von Lächelnden, die einander unter die Arme greifen, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, passt gut zur aktuellen Aufgabe des Figlhauses. Damals waren es Menschen, deren verfeindete Gruppen im Bürgerkrieg des Ständestaates noch Jahre zuvor aufeinander geschossen haben. Das war also keine leichte, bloß joviale Geste – sie hatten es über Jahre unvorstellbaren Leids in den Konzentrationslagern gelernt. Sie waren überzeugt: „streiten werden wir schon müssen, aber nie mehr den Anderen niedermachen oder vernichten!“ Solch einen Geist eines ‚Solidaritätspakts‘ wie Kardinal Schönborn es mit anderen österreichischen Bischöfen in einem Hirtenbrief 2020 auf die Corona-Krise hin formuliert hat, braucht es auch jetzt. Das Figlhaus steht für solch eine ‚geistvolle‘ Solidarität. Der Träger des Figlhauses, die Gemeinschaft Emmanuel, setzt auf den ‚Heiligen‘ Geist. Auch für Figl war seine Glaubenskraft der Motor dafür, vor allem Menschen verschiedenster Denkrichtungen zu verbinden – und nicht auszugrenzen und nicht gegeneinander aufzuhetzen. So soll das Figlhaus ein Zeichen sein für das Aufrichten statt Niedermachen, für das Zusammenführen statt Auseinandertreiben.

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