Fridays for future: ein Luxus?


von marie lechner am

Die Freitagsdemonstrationen halten an, schon das ganze Frühjahr lang: SchülerInnen streiken für Klimaschutz, es geht um ihre Zukunft, sagen sie. Schule schwänzen für ein besseres Leben? Für ihre Großeltern unvorstellbar.

 

Ob in Berlin, Wien oder Bozen, überall dieselben Bilder: SchülerInnen und StudentInnen ziehen am Freitagvormittag mit Transparenten durch die Innenstädte und skandieren: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!“. Es geht nicht um mehr oder bessere Bildung, die fit für das Erwachsenenalter machen soll, sondern um das Weltklima. Ein unkontrollierter globaler Temperaturanstieg könnte dramatische Folgen nach sich ziehen.

Mit internationalen Themen setzte sich in jungen Jahren auch die Elterngeneration dieser Jugendlichen auseinander, wenn sie in den 1980er Jahren für die Erhaltung des Weltfriedens auf die Straße ging. „Mama, Papa, Enkel, Opa: Für ein atomwaffenfreies Europa!“, lautete ein bekannter Slogan.

Der Großelterngeneration hingegen war ein solches Engagement völlig fremd: Für gesamtgesellschaftliche Anliegen hatte sie nicht viel übrig, diesen Luxus konnte sie sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht leisten. Für die Omas und Opas der heutigen Demonstranten galt es, in Kinder- und Jugendjahren das Fundament für eine tragfähige Zukunft aufzubauen. Die Sicherung elementarer Grundbedürfnisse stand im Fokus: Beruf und Wohnung.

Im „Zeitalter der Extreme“ (E. Hobsbawn) geboren, standen diese Jugendlichen in der Nachkriegszeit vor großen Herausforderungen. Der Wiederaufbau war zu leisten, von allgemeinem Wohlstand keine Spur, Sozialfürsorge und staatliche Unterstützung zumeist Fehlanzeige.

In dieser Situation mussten Kinder und Jugendliche früher erwachsen werden, sich schon in jungen Jahren um die persönlichen Anliegen, um das individuelle Weiterkommen kümmern. Vielen gelang dies nicht: Wie nach dem Ersten Weltkrieg griff nach dem Zweiten Verwahrlosung um sich, Jugendliche mit krimineller Energie waren nicht nur ein städtisches Phänomen.

Es gab aber auch viele, die genau erkannten, wie sie ihr Leben angehen mussten, um einer gesicherten Zukunft entgegenzusteuern. Die Zauberworte waren Schulbildung und Eigeninitiative. Darum geht es im untenstehenden Interview: Es handelt von einer Südtiroler Frau, die seit Kindheit an ihr Leben selbst bestimmte und auch gegen Widerstände um bessere Lebenschancen kämpfte. Beispielhaft kommt in den Worten von Frau Hinterlechner zum Ausdruck, welch gewaltigem sozioökonomischen Wandel diese Kriegsgeneration bis heute unterworfen war und ist. Für so manchen vielleicht überraschend mündet der persönliche Rückblick keineswegs in einem „Wir-hatten-es-viel-schwieriger“, im Gegenteil. Für die heutige „Fridays for future“-Generation zeigt sie viel Verständnis, von einer Abwertung als „verwöhnte Jugend“ keine Spur.

 

Anna Hinterlechner (links) vor einigen Jahren

 

„Das Schicksal in die Hand genommen“

 

Marie Lechner: Frau Anna Hinterlechner, fassen Sie kurz ihre Kindheit zusammen.

Anna Hinterlechner: Ich wurde 1935 in einem Südtiroler Bergdorf geboren, keine gute Zeit in Südtirol. Meine Eltern hatten einen Bauernhof gepachtet und außer mir noch zehn andere Kinder. Ich musste schon früh viel arbeiten, aber das war damals normal. Mit zwölf wurde ich zum Beispiel für eine Weile das Hausmädchen einer Familie mit zwei Kindern. Obwohl ich ja selbst noch so jung war, musste ich für alle kochen. Wenn es nicht geschmeckt hat, gab‘s Schläge.

 

M.L.: Welche Schulbildung haben Sie erhalten?

A.H.: Wir waren damals bis 14 schulpflichtig. In meinem Dorf gab es nur eine Grundschule, deshalb musste man, sobald man die fünfte Klasse erreicht hatte, diese so oft wiederholen, bis man nicht mehr schulpflichtig war. Das fand ich so schrecklich, dass ich zu einer meiner Tanten zog, die in einem benachbarten Dorf wohnte. Dort gab es eine weiterführende Schule und die habe ich dann besucht.

 

M.L.: Was haben Ihre Eltern gesagt, als sie zu ihrer Tante gezogen sind?

A.H.: Begeistert waren sie nicht, aber nicht, weil ich von zu Hause wegzog, sondern, weil ich weiter zur Schule gehen wollte. Sie meinten, ich sollte mich lieber nützlich machen und arbeiten gehen. Ich bin froh, nicht auf sie gehört zu haben. Sie wollten mich nicht gehen lassen, und so bin ich gegen ihren Willen auf und davon. Im Dorf meiner Tante gab es eine von Ordensschwestern geführte Mittelschule. Obwohl das Schuljahr schon begonnen hatte, bin ich zur Schwester Oberin und habe sie gebettelt, mich noch zu nehmen. Zum Glück bin auf Verständnis gestoßen. So habe ich mein Schicksal selbst in die Hand genommen und um bessere Zukunftschancen gekämpft. Ich wollte nicht irgendwo als ausgebeutete Magd mit miserablem Lohn auf einem Bauernhof enden.

 

M.L.: Wie ging es dann für Sie weiter?

A.H.: Nach erfolgreichem Abschluss der Mittelschule arbeitete ich dann aber doch erstmal in der Landwirtschaft auf dem elterlichen Hof, dann habe ich mich mit meinem Vater vollkommen zerstritten und musste ‚die Hoamat‘ verlassen. Ich zog in die Stadt und habe für eine Weile jede Arbeit gemacht, die ich kriegen konnte. Habe gebügelt, war Lehrmädchen bei einem Fotografen etc. Doch das war mir alles zu stupide. Ich wollte mehr, ich wollte meinen Kopf verwenden. Als ich die Gelegenheit bekam, in einer Anwaltskanzlei Sekretärin zu werden, habe ich die Chance sofort ergriffen. Es war nicht gerade lustig dort, auch wenn ich in einem Büro arbeitete; der Lohn war so gering, dass ich noch zwei weitere Jobs annehmen musste und viele der Aufgaben, die ich bekam, hatte ich nie gelernt zu lösen. Doch wenn es heißt „friss oder stirb“, ist man zu fast allem in der Lage. Irgendwann habe ich dann meinen Mann kennengelernt und mit ihm zusammen ein Unternehmen aufgebaut. Wir hatten bis zu 15 Mitarbeiter.

Am Ende ist also doch alles gut ausgegangen.

Frau Hinterlechner vor einigen Jahren

M.L.: Wie hat sich die Gesellschaft im Laufe Ihrer Lebensspanne verändert?

A.H.: Man kann sich diesen Wandel nicht mal vorstellen, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat. Südtirol war damals sehr, sehr arm. Doch dann boomte plötzlich der Tourismus und plötzlich ging es bergauf. Das hat die Gesellschaft total verändert. Auch interessant: Ich habe miterlebt, wie stark die Kirche an Macht verloren hat. Als ich jung war, war der Pfarrer die höchste Autorität im Dorf.

 

M.L.: Beschreiben Sie das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in Ihrer Jugendzeit.

A.H.: So was wie Feminismus gab‘s in meiner Jugend gar nicht. Frauen gehörten hinter den Herd und basta.

 

M.L.: Und wie war es innerhalb der Familie?

A.H.: Als Kind musste ich mir oft Dinge wie „Ein Kind soll man sehen, aber niemals hören“ anhören. Bei uns galten auch nur die Eltern als tüchtig, die ihre Kinder ordentlich züchtigten, also schlugen. Die Schläge waren aber nicht schlimm, das war damals halt normal. Und trotz Watschen war die Familie meist ein warmes Nest. Man hat sehr auf die anderen geschaut und hat zusammengehalten.

 

M.L.: Finden Sie, dass die Dinge seit den 1930ern schlechter geworden sind?

A.H.: Nein. Viele Entwicklungen in der Welt sind ja großartig! Ich bin wahnsinnig glücklich, dass meine Enkel alles studieren können, was sie möchten und dass heute so viele Menschen wohlhabender sind als wir früher. Man muss sich mal vorstellen, dass sich die Leute in meinem Dorf zur Kriegszeit das Gewand noch selber nähen mussten, weil man es nicht mal irgendwo kaufen konnte.

Was mir Angst macht ist, dass die Leute nicht glücklich zu sein scheinen. Keiner ist mehr zufrieden. Wir hatten damals nichts, aber das war egal. Wir hatten so viel Spaß.

 

M.L.: Würden Sie mit der Jugend von heute tauschen wollen?

A.H.: Niemals. Von einer „guten, alten Zeit“ würde ich aber auch nicht sprechen. So etwas hat es nie gegeben.

 

M.L.: Was ist das Problem der heutigen Gesellschaft?

A.H.: Dieser ganze Leistungsdruck. Das ist nicht gut, wenn sich junge Menschen abplagen müssen, um überhaupt eine Chance auf ein, nach heutigen Standards, gutes Leben zu haben.

Auch das Konsumverhalten von heute ist entsetzlich. Aber daran sind nicht die Menschen, sondern die Werbeagenturen schuld. Wenn man immer gesagt bekommt, dass man all diesen Müll braucht, um überhaupt zu gelten, ist es klar, dass man dem Druck irgendwann nachgibt.

 

M.L.: Laut einer aktuellen Studie der MedUni Wien leiden 23,93 Prozent aller österreichischen Jugendlichen aktuell an einer psychischen Erkrankung. Laut dem Internetportal „Südtirol News“ finden in Südtirol täglich ein bis drei Suizidversuche statt. Ist die Gesellschaft verweichlicht?

A.H.: Nein, auf gar keinen Fall. Es ist natürlich, sich an Umstände anzupassen. Wenn man jeden Tag das beste Essen bekommt und so viele Möglichkeiten hat, dann wird man das als normal empfinden. Die häufigen Selbstmorde sind sehr tragisch, vor allem weil sie häufig junge Menschen betreffen. Mit den hohen Leistungsansprüchen kommen viele Jugendliche nicht zurecht. In meiner Jugendzeit waren die Erwartungen, die man an sich selbst stellte und die andere an einen stellten, deutlich geringer. Freizeitstress oder Freizeitgestaltung als Statussymbol gab’s zu meiner Zeit nicht. Im Beruf war auch ein Handwerker jemand, nicht jeder musste studieren. Alles tun zu können, fast jede Möglichkeit in einer globalisierten Welt zu haben, so wie es heute ist, kann auch überfordern.

 

M.L.: Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft der Welt?

A.H.: Sich Sorgen zu machen bringt nichts. Ich versuche, die Leute so gut wie es eben geht zu verstehen, was mir oft nicht leicht fällt. Aber Initiativen wie „Fridays for future“ machen mir Hoffnung.

 

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Medien-Lehrgangs 2019 als journalistische Praxis-Arbeit. Thema und Inhalt dieses Beitrags wurden durch die Autorin selbstständig gewählt und recherchiert.

    marie lechner

    Studium-Newbie mit einem Faible für Kitschromane, betrunken protestieren gehen und linksradikale Kaffeehäuser.
    Konstruktive Kritik gerne an
    marie.lechner@outlook.it

    Bildquellen

    • Anna Hinterlechner vor einigen Jahren: Privat

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