Frau Herr muss kämpfen


von Thomas Winkelmüller am

Julia Herr kandidiert bei den Wahlen zum Europäischen Parlament für den 6. Listenplatz der SPÖ – das Kampfmandat der Partei. Ein Text aus einem Tag Wahlkampf.

„Stangelst du „das“ dann?“ „Na Oida, sonst sind schon wieder alle komplett pissed.“ Vor dem Floridsdorfer Gymnasium in der Fraklinstraße 26 sitzen ein paar Schüler der Oberstufe im Kreis und rauchen. Sie reden über die zwei Quadratmeter Garten, die jeder Österreicher im Schnitt besitzt und dass sie die auch gerne hätten, über Proteinpulver statt Staubzucker am Gugelhupf und über „das“, die Podiumsdiskussion, die in einer Viertelstunde beginnt. Sechs mehr oder weniger junge Kandidatinnen und Kandidaten, die zur Wahl des europäischen Parlaments antreten, werden über eben diese debattieren. Das Votum, bei dem zuletzt bloß ein Viertel aller Wahlberechtigten unter 25 den Weg zur Urne auf sich genommen haben.

 

Julia Herr ist bereit zu kämpfen, wenn es sein muss auch gegen die eigene Partei.

Eine der Frauen, die gleich am Podium sitzen werden, ist Julia Herr. Die 26-Jährige kandidiert auf dem 6. Listenplatz der SPÖ – ein Kampfmandat. Kurz gesagt bedeutet das für sie, dass die Vorsitzende der Sozialistischen Jugend (SJ) am Wahltag auf fünf Prozent der roten Vorzugsstimmen oder einen zusätzlichen, sechsten Sitz für die Österreichischen Sozialdemokraten im Europaparlament hoffen muss, um dort einzuziehen. Sie hat dafür drei Hauptthemen festgelegt: Umwelt retten, Rechtsruck stoppen und Konzerne besteuern. Große Ziele, die vor allem unter jungen Menschen auf ebenso große Zustimmung treffen könnten.

 

Los geht’s

Julia Herr kommt etwas später zum Interview als vereinbart, aber noch pünktlich zur Podiumsdiskussion. Die Direktorin der Schule, eine großgewachsene Frau mit rotem Pagenkopf, empfängt sie mit den Worten: „Ah Frau Herr, Sie kenne ich ja aus den Medien“. Danach bietet sie mit großmütterlicher Beharrlichkeit allen Anwesenden im Warteraum die vorbereiteten Brote an. Sie stellt klar, dass gegessen werden soll. Lachs mit Mayonnaise, Eieraufstrich oder ein paar Käsescheiben, garniert mit halber Tomate stehen als Belag bereit. Wie alle anderem im Raum zögert Herr und wie alle anderen greift sie kurz darauf zu. Die Hartnäckigkeit der Gastgeberin zeigt ihre Wirkung. Für Herr soll es ein Käsebrot werden. Danach ist es soweit – die Schüler warten bereits.

Mindestens 150 Jugendliche und ein Dutzend Lehrerinnen und Lehrer sitzen im Halbkreis vor dem Podium. Dahinter hängt eine Europafahne, unter der das grüne Notausgangzeichen hervorblitzt. Die Diskussion findet nicht im hauseigenen Turnsaal statt – für den das GRG bekannt sei, hebt die Direktorin hervor – sondern mitten am Gang, links und rechts davon die Treppenhäuser in die übrigens Stockwerke. Es moderieren ein Mädchen und ein Junge aus der Klasse für politische Bildung, beginnen darf aber ihr Lehrer. Der grauhaarige Mann mittleren Alters mit Dreitage-Bart erklärt kurz den Ablauf, stellt alle Kandidaten vor und zögert nicht lange die Diskussion zu eröffnen.

„Fridays for Future“, Nationalstaat vs. zentralisiertes Europa und Steuergerechtigkeit. Mit jeder Frage arbeitet Herr ihre Themen Punkt für Punkt ab. Wer die Forderungen online gelesen hat, der hört sie hier fast wortgetreu wiedergegeben. Sie fragt, ob jemand bei „Fridays for Future„ demonstrieren war, gibt bei den ersten Handzeichen selbst einen Daumen nach oben und erntet dafür Applaus – meist den lautesten. Bevor sie zum Konter gegen ihre Mitdiskutanten ansetzt, tuscheln und schmunzeln Schüler immer wieder, weil sie hören wollen, was sie dem Vertreter der Freiheitlichen gleich entgegenwerfen wird. Man merkt ihr die Leiterin einer Jugendorganisation an. Wenn Julia Herr ihr eigenes Element hat, dann ist sie gerade voll darin.

 

Zu spät

Nach der Diskussion schüttelt Herr noch die letzten Hände und macht sich dann rasch auf den Weiterweg. Sie muss zu einer Verteilaktion beim Schulschiff an der Donau und ist im Verzug. Ihr Vormittagsprogramm hat länger gedauert als erwartet. „Das schlimme an der Verspätung ist, dass sie sich dann fast durch den ganzen Tag zieht“, sagt Herr, ihre Augen fixiert auf das Smartphone. Sie muss sich erst orientieren und ruft zweimal im Büro an. „Bahnhof Floridsdorf und dann weiter mit der Bim“, lautet die Beschreibung aus dem Telefon. Herr war schon kurz davor ein Taxi zu rufen. Früher plante sie ihre Termine noch selbst, „jetzt habe ich meinen Kalender aber abgegeben.“ Das SJ-Büro kann schneller koordinieren, dafür behält sie die Termine schwerer im Kopf.

Ganz allgemein ist Julia Herr‘s EU-Wahlkampf sehr SJ-lastig. Sie versteckt ihre Wurzeln nicht. Herr und ihr Team setzen auf dieselben Mittel wie in allen anderen Kampagnen: Auf die Straße gehen und provozieren. Den Auftakt machten sie mit ihrer „Wach auf Europa“-Aktion. Einhundert Wecker läuteten in ganz Österreich und sollten die Bevölkerung vor Klimaerwärmung und Rechtsruck warnen. Für die Jugendorganisation selbst ändere sich durch Herr’s Kandidatur nur wenig. Die SJ war schon in der Opposition, als ihre Mutterpartei noch den Bund regierte und hat Kampagnen wie diese gefahren. „Ich glaube wir würden auf genau dieselben Themen setzen, EU-Parlament hin oder her“, sagt Herr. Nur die Kosten seien etwas höher. Genau Zahlen nennt sie nicht, 100.000 Flyer, Feuerzeuge und Kugelschreiber würden ins Budget passen. Zu wenig, um alle Werbeteams mit Goodies auszustatten. Für eigene Kondome, wie vor zwei Jahren, habe es diesmal auch nicht gereicht.

Ich bin ja nicht zur SJ gegangen, weil ich einfach ein Mandat will. Wir sind eine Organisation der Träumer und Visionäre.

Zur heutigen Verteilaktion kommt Herr schließlich eine halbe Stunde zu spät. Die Schule, vor der sie flyern soll – das Floridsdorfer Schulschiff – ist eine Hochburg der Sozialistischen Jugend. Alle der gerade anwesende SJ-Mitglieder haben es besucht und dort gelernt. Um das Aktionszelt hat sich schnell eine überschaubare Menschentraube gebildet. Das könnte sowohl an den Inhalten, als an der prallen Mittagssonne liegen. Unter ihnen ein junger Radiojournalist. Er wartet schon und möchte ein Interview mit Herr führen. Das Thema: „Die Zukunft der Sozialdemokratie“. Der junge Mann stellt ihr ein paar Fragen zur Mutterpartei und sagt immer „SJot“ statt „SJe“. Manche Mitglieder der Sozialistischen Jugend hören das nicht sonderlich gerne. Der Klang erinnert zu sehr an eine Jugendorganisation, die bereits lange Geschichte ist und nichts mit ihnen gemein hatte. Als er das Interview nach 10 Minuten beendet, ist auch der Aktionsstand bereits abgebaut. Verspätung eins, Herr null.

Dass der Jungjournalist gerade sie zur SPÖ befragt, ist interessant. Herr­ hat nicht nur Unterstützer in der Partei und spart selten mit Kritik. Was sie denkt, spricht sie auch frei aus. „Es ist ja diesmal der 6. Listenplatz, also das Kampfmandat, geworden, aber ich nehme die Herausforderung gerne an“, sagt sie. Ob sie am Tropf der Vorzugsstimmen hängt oder an das sechste Mandat für die SPÖ hofft? Eher letzteres. Andere Kandidaten würden auch Stimmen sammeln, mit mehr Budget und einer Landespartei hinter ihnen. Davon könne sie nur träumen. „Mir ist bewusst, dass es sehr schwer wird“, gesteht sie. Aber es sei falsch, Erfolg an dem Sitz im Parlament zu bemessen. „Ich bin ja nicht zur SJ gegangen, weil ich einfach ein Mandat will. Wir sind eine Organisation der Träumer und Visionäre“, sagt Herr, „ich möchte politisch aktiv sein und andere dazu bewegen es zu werden.“ Erfolg bedeutet für sie in erster Linie der Zugewinn neuer Mitglieder in der Sozialistischen Jugend. Mitglieder seien um die drei Jahre aktiv und würden dann wieder weiterziehen. Eine wortwörtliche politische Bewegung. Gerade bei Schuldiskussionen passiere es Herr dann immer wieder, dass Jugendliche auf sie zukommen und aktiv werden wollen – wie zum Beispiel heute Abend im katholischen Sacré Coeur Privatgymnasium.

Wird Julia Herr gefragt, ob sie ihren Wahlsieg annimmt, antwortet sie meist mit hartem Realismus. Daran glauben muss sie trotzdem.

Hier im 3. Bezirk, nicht weit von ihrer Wohnung, führt Herr die zweite Schuldiskussion. Wer in den Saal der Schule möchte, muss zuerst ein verwinkeltes Treppenhaus nach unten steigen und wird dann mit der Oase am Rennweg belohnt. Ein Kloster- und Schulhof abseits von Autos und Straßenbahn, der die Hundert schon lange überschritten hat. Vom Lärm des Verkehrs ist hier nichts mehr zu hören. Wie in Floridsdorf begrüßt der Direktor Herr vorab. Ein älterer Mann der von der Vielfältigkeit des Honigs, den sie am Schuldach erzeugen, erzählt. Die Bienen würden in den botanischer Garten nebenan fliegen. Deshalb steche der Honig so aus der Masse heraus.

Roter Jesus

Diesen Abend diskutiert Herr nur mit einem Kandidaten der ÖVP. Er ist etwas älter als sie, hat beruflich viel mit Banken zu tun und springt für Karoline Edtstadler ein, die heute gesundheitlich verhindert sei, erzählt er. Die Diskussion verläuft ähnlich wie in Floridsdorf. Herr geht ihr Programm in kleinen Portionen durch und untermauert es, wie antrainiert, mit denselben Beispielen. Zwischendurch bezeichnet sie Jesus als den ersten Sozialisten, ein bekannter roter Sager, der in diesem Umfeld aber einen ganz besonderen Klang hat. Rhetorisch und inhaltlich habe sie ihren Kontrahenten besiegt, einigen sich zwei der Lehrer gegen Ende.

Ob Julia Herr nun Brüssel auf den Kopf stellen kann oder am Kampfmandat der SPÖ scheitern wird? Spricht Herr ehrlich über ihre Chancen, wirkt es, als hoffe sie auf ein Wunder. Nach der Diskussion am Sacré Coeur bleibt sie noch ein wenig und unterhält sich mit Schülerinnen und Schülern des Privatgymnasiums – über Afrika, Lebensmittelaufteilung und Milchproduktion. Dabei beobachtet eine Religionslehrerin Herr von ein paar Metern Entfernung der Schule. Sie dreht ihren Kopf zu einer Kollegin, seufzt kurz leise auf und murmelt: „Nach 25 Jahren ist es nun soweit gekommen, dass ich die SPÖ wählen muss.“  Wenn Herr auf ihr eigenes, kleines Wunder hoffen kann, dann wohl jetzt.

 


Die Wahl zum Europäischen Parlament

Am 26. Mai Wahlen wählen die Bürger der Europäischen Union ihr Parlament. Dessen Abgeordnete sind je fünf Jahren im Amt, während ihre Aufgabe darin besteht, gemeinsam mit dem Rat Gesetzesvorschläge an die Kommission zu stellen. Österreich entsendet 18 der 751 EU-Parlamentarier, im Falle des Brexit 19, wobei übrigens nur eineinhalb Prozent der Vertreter im Parlament insgesamt unter 30 sind. Die wahlwerbenden Parteien im Land, ÖVP, SPÖ, FPÖ, NEOS, die Grünen und JETZT, erstellen Listen und schicken ihre höchstgereihten Kandidaten je nach Abstimmungsergebnis Richtung Brüssel. Bei der letzten Wahl 2014 gaben rund 45 Prozent der Österreicher ihre Stimme ab, europaweit erreichte die Republik damit eine Durchschnittsbeteiligung. Rot und schwarz erhielten je fünf der 18 Mandate, die Freiheitlichen vier, grün drei und die NEOS eines. Für dieses Jahr prognostizieren Wahlforscher ein sechstes Mandat an die türkisen und ein zweites an pink, wobei beide von der grünen Partei kommen sollen.


 


Julia Herr‘s Leben

Julia Herr, Jahrgang 92, kandidiert für den 6. Listenplatz bei den Wahlen des Europäischen Parlaments. Ihre politische Karriere beginnt, als die Burgenländerin aus Sigleß mit 16 der lokalen Sozialistischen Jugend beitritt. Mit 21 wird die Soziologiestudentin dann als erste Frau an die Spitze der Organisation gewählt. Als großes Vorbild nennt sie Jeremy Corbyn, Leiter der britischen Labour-Partei. Der sei zwar durchaus EU-kritisch, aber „das Fangirl der EU“ sei sie in allen Punkten ja auch nicht. Herr ist vier Jahre im Vorsitz der Bundesjugendvertretung (BJV) und kandidiert bei den Nationalratswahlen 2017 auf dem 16. Listenplatz der Sozialdemokraten. Sie verpasst den Einzug ins Parlament. Nicht zuletzt, weil sie selten ein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Kritik an der Mutterpartei geht, vor allem bezüglich Koalitionen mit den Freiheitlichen. „Ich habe mir nicht nur Freunde in der Partei gemacht und wenn es dann um die Vergabe von Mandaten geht, spielt das mit“, sagt Herr. Ihr Verhalten ändern werde sie trotzdem nicht. Sie müsse nicht alle glücklich machen.


 

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Medien-Lehrgangs 2019 als journalistische Praxis-Arbeit. Thema und Inhalt dieses Beitrags wurden durch den Autor selbstständig gewählt und recherchiert.

Thomas Winkelmüller

Jungjournalist, DJ und Student der Rechtswissenschaften und der Kultur- und Sozialanthropologie.

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