Woody Allen wäre schon tot


von Markus Ponweiser am

„Wir werden bald alle Frauen bitten müssen, Kopftuch zu tragen“ – das waren die Worte von unserem neuen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen. Natürlich ist so ein Zitat, das so im luftleeren Raum steht, nur die halbe Wahrheit. Man muss stets den Kontext und die Art und Weise, wie eine Aussage getätigt wird, berücksichtigen. Für seine Unterstützer, und dazu darf ich mit hoher Wahrscheinlichkeit die meisten meiner Studienkollegen zählen (ich habe ihn übrigens auch gewählt), war von Anfang an klar: Eindeutig eine ironische Aussage. Muss doch für jeden mit ein paar Hirnzellen klar sei. Herr van der Bellen hat mit all seiner Erfahrung und seinem Schmäh die grassierende Islamophobie in Österreich bekrittelt und den Finger in eine Wunde gelegt.

Mal abgesehen davon, dass niemand, der etwas nicht ernst meint, zwei Sätze später das (historisch nicht belegte) Beispiel von dem von den Nazis besetzen Dänemark bringen würde, um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen, zeigt die ganze Causa um van der Bellens Kopftuch-Sager eines sehr gut: nämlich das Verharmlosen des Islams seitens der politischen Eliten und der Anhänger Linken. Ob van der Bellen jetzt unbedingt „ein Linker“ ist oder nicht – es ist absolut unverantwortlich für jemanden in seiner Position, das Kopftuch – ein Zeichen des politischen Islams und sinnbildlich für dessen Geschlechter-Apartheid – als Symbol des Widerstandes gegen die angeblich so „islamophobe“ europäische Gesellschaft anzupreisen. Vor allem in einer Zeit, in der sich der Islamismus, auch in Europa, steigender Popularität erfreut.

erfreut.

Und dann denke ich mir: Wieso wird UHBP für solche Aussagen verteidigt, ja sogar gelobt? Ausgerechnet von jenen, die sich sonst als so kritisch denkende Menschen einschätzen. Woher kommt dieses zwanghafte Verteidigen des Islams? Linke haben sich doch immer für Frauenrechte und Religionskritik eingesetzt und tun das ja immer noch. Deswegen fehlt mir dann das Verständnis, warum sie eine Religion als ihren Protegé auserkoren haben, die die eigenen Ideale mit Füßen tritt. Werden Muslime in Europa wirklich so schlimm disrkiminiert, dass es sich schon lohnt, die eigenen Werte dafür über Board zu werfen? Vor allem die feministische Bewegung treibt hier seltsame Blüten. Wenn beim women’s march in Washington anerkannte Islamistinnen in der ersten Reihe (u.a.) gegen Sexismus in Amerika marschieren, kommt einem schon die Frage, in welchem Universum man sich gerade befindet.

Interessanterweise kommt mir dabei ein Zitat in den Sinn, das Simon Inou im Zuge dieses Medien-Lehrgangs von sich gegeben hat: „Bei einem Konflikt zwischen Unterdrückern und Unterdrückten stehe ich immer auf Seite der Unterdrückten.“
Diese Denkweise halte ich für sehr vereinfacht (wer entscheidet wer welche Seite ist?) und auch für gefährlich. Denn es ist momentan so, dass man sehr viele Sympathiepunkte dadurch erhaschen kann, wenn man sich als Opfer präsentiert. So eine Haltung schirmt vor Kritik ab und macht Rechtfertigungen für das eigene Handeln weitgehend überflüssig. Dieses Spiel beherrschen sowohl Rechtspopulisten, als auch Islamvertreter exzellent.

Ein großartiger Glaube?

Sehr witzig, oder besser gesagt, traurig, war es auch mitanzusehen, wie sich Politiker in Großbritannien nach den Anschlägen im März ihre eigene Welt abseits von Fakten zusammenschustern. Die neue Premierministerin Theresa May meinte, dass die Angriffe die „Perversion eines großartigen Glaubens“ waren und man sie nicht einmal „islamic attacks“ nennen sollte, weil es ja mit dem Islam nichts zu tun habe.
Immer wieder interessant zu sehen, wie sich manche Politiker anmaßen, darüber zu urteilen, was der Islam ist und was nicht. Dabei bermerken sie nicht, dass sie damit unzähligen islamischen Gelehrten widersprechen, die sehr wohl der Meinung sind, dass der Dschihad eine Pflicht jedes guten Muslims ist. Wenn jemand nach Anschlägen behauptet, das sei nicht der Islam, meint er in Wirklichkeit „das ist nicht der Islam, wie ich ihn gerne hätte.“

Und ja, es macht mir Sorgen, dass in Österreich und in Europa der Bevölkerungsanteil jener Menschen ansteigt, die ein vom Islam geprägtes Welt- und Menschenbild haben (siehe diese Biber-Reportage über die sog. „Generation Haram“). Klar, in politisch korrekten Kreisen erntet man mit solchen Ansichten nur ein Lächeln. Angst? Wovor? Bitte! Kann einem ja wurscht sein, welchen Glauben seine Mitmenschen haben. Und überhaupt: In den 60er-Jahren waren die Menschen bei uns auch so konservativ! Waren sie halt doch nicht.

Was tun?

Die Frage ist natürlich: Wie soll man als Gesellschaft damit umgehen? Zunächst wäre es vielleicht einmal unter uns Studenten eine Idee, auch gegen islamistische Tendenzen aufzustehen nicht nur dann, wenn es gegen Rechtsextreme geht. Denn das, seien wir uns ehrlich, erfordert nicht mehr wirklich Mut.

Es kann selbstverständlich keine Lösung sein, Muslime zu pauschalisieren und fordern, die soll’n alle ham‘ gehn. Wenn man der Zukunft der Muslime in Europa einen Gefallen tun möchte, muss man Kritik am Islam in seiner jetzigen Form üben und jene Kräfte fördern, die ihn reformieren wollen oder zumindest das Denken der Muslime darüber. Damit meine ich Leute wie Hamed Abdel-Samad (selber Ex-Muslimbruder): jemand, der bei seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten – in Europa wohlgemerkt – sein Leben riskiert, weil er nach Kritk am Islam in seiner Heimat Ägypten als vogelfrei erklärt wurde. Solche Leute, die sachliche Kritik am Islam üben (und nicht pauschal über Muslime herziehen) müssen gesellschaftlich einen höheren Status haben und in den Medien präsenter sein.

Religion ist in Europa Privatsache – das erfolgreich zu vermitteln wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung. Zu sagen, dass es bis dahin noch ein langer Weg ist, ist aber wohl noch eine Untertreibung. Vielleicht kann man dann auch irgendwann mit Fug und Recht behaupten, dass der Islam zu Europa gehört. Ich habe vor kurzem eine Aussage zu diesem Thema gelesen, der ich hundertprozentig zustimmen kann: „Der Islam gehört zu Europa, wenn Witze über ihn und Kritik an ihm genauso selbstverständlich sind wie bei anderen Religionen und Weltanschauungen auch.“ Und wenn gegen seine Kritiker keine Todes-Fatwas mehr ausgesprochen werden. Einer, der auf so einer Todesliste steht, ist Salman Rushdie. Dieser behauptete einmal: „Wäre Woody Allen ein Muslim, wäre er jetzt tot.“ Als Fan seiner Filme bin ich froh, dass er keiner ist.

  1. Danke, Markus, für deinen hervorragend geschriebenen Blogbeitrag und deine Meinung, die ich nicht ganz teilen kann..

    Ja, wir brauchen säkulare Staaten, einen Rechtsstaat mit freier Meinungsäußerung, Demonstrationsrecht und Religionsfreiheit. Es hat niemand Interesse daran, sich seine Freiheit durch religiöse Extremisten beschneiden oder sich zu indoktrinieren zu lassen.

    „Religion ist in Europa Privatsache“ stimmt dennoch meiner Meinung nach nicht. Ein Staat kann per se keine Werte schaffen, lediglich sie schützen -das ist auch seine Aufgabe. Er und die Gesellschaft lebt von den unterschiedlichen Weltanschauungen,
    Religionsgemeinschaften – das sind die Inspirationsquellen, aus denen die Werte kommen und um die dann im Dialog gemeinsam gerungen wird. Der Staat schützt diese Werte in Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien..

    Glaube ist per se nicht nur was Privates sondern trägt jeder Menschen ständig in sich und lebt aus ihm – es ist öffentlich. Egal ob ein Politiker, Journalist, Frisörin oder ein/e Lehrer/in – jede/r glaubt an etwas oder glaubt eben an nichts, und bringt das wiederum in den Dialog. Die Religion und den Glauben aus der Öffentlichkeit generell zu verbannen, und sich auf einen quasi agnostischen Staat ein zu schwören, wäre ein Fehler, den du ganz gut in Pol Pot-Kambodscha, Nordkorea, DDR, die ehem. Sowjetunion und zT auch im laizistischen Frankreich („Religionsburgen mit keinen Brücken zueinander“) beobachten kannst.

    „Ohne Religion(en) ist kein Staat zu machen“ – das ist meine Ansicht.

    Vgl. dieses Interview mit SPD-Politiker Wolfgang Thierse (ex-DDR, katholisch), das sehr aufschlussreich für mich war.

    http://www.zeit.de/2012/49/Streitgespraech-Religion-Vizepraesident-Bundestag-Wolfgang-Thierse

    LG, Norbert

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