Es brennt! Mein Brief an die österreichische Bundesregierung.


von Maja Schanovsky am

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrte Damen und Herren der österreichischen Bundesregierung!

Diejenigen von Ihnen, die so wie ich in Österreich geboren und aufgewachsen sind, stehen unter der viel zitierten „Gnade der späten Geburt“. Wir haben unser ganzes Leben in Frieden und Sicherheit verbracht, in stetig zunehmend wachsendem Wohlstand. Die meisten von uns hatten nie richtig existenzielle Sorgen, auch wenn es dies in Österreich durchaus gibt. Wir leben nicht nur in einem Wohlfahrtsstaat, sondern auch in einem Wohlstandsstaat, wie es auf der Welt nicht viele gibt. Mit Sicherheit hat jede und jeder von Ihnen in seinem Leben bereits leidvolle Erfahrungen gemacht, der eine mehr, die andere weniger. Diese Leiderfahrungen waren wohl aber hauptsächlich privater Natur und sie waren mit Sicherheit nicht systemimmanent.

Niemand von uns hat sich das Aufwachsen in diesem wunderbaren Land, diesem Wohlstandsstaat Österreich ausgesucht, vor seiner Existenz Ort und Zeit seiner Geburt gewählt. Was lässt uns glauben, dass wir uns unsere Geburt in irgendeiner Weise verdient und daher ein Recht auf Verteidigung, Abgrenzung und stures Festhalten all dessen, was diese Geburt mit sich bringt, hätten?

Ich habe gelernt, dass ich umso mehr Verantwortung für andere habe, je mehr mir geschenkt ist. Dass ich umso mehr teilen kann, je mehr ich habe. Und dass dies sogar glücklich macht. Bereits als Kind habe ich begriffen, dass jeder andere Mensch ein „anderes Ich“ ist, dass er als sein je eigenes Ich genauso denkt, fühlt, Schmerzen empfindet und dass mein Verhalten ihm gegenüber sich daran messen sollte. Und weil ich noch dazu Christin bin, bin ich davon überzeugt, dass Gott der Vater aller Menschen ist und somit jeder Mensch meine Schwester oder mein Bruder, egal wo auf dieser Welt sie oder er sich befindet.

Wir alle werden einmal, so wie es in der alten Geschichte der Bibel mit Kain geschehen ist, gefragt werden „Wo ist dein Bruder?“. Und wenn wir so wie Kain sagen werden „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“, dann wird es genauso wie bei Kain eine dicke, fette Lüge sein. Denn wir wissen eigentlich, wer und wo unser Bruder, unsere Schwester ist. Selbst dem kleinstkarierten Verstand müsste irgendwie vage bewusst sein, dass etwas an der Rechnung nicht stimmt, die besagt, dass nur die Menschen auf knapp 84.000 m² meiner Landesfläche meine Nächsten sind, alle anderen aber nicht. Dass uns Verantwortung nur gegeben ist für Menschen in einer genau abgesteckten Landschaft, innerhalb über die Jahrhunderte hinweg ständig sich verändernder Grenzen.

Werden wir sagen, mein Bruder ist doch allenfalls noch mein Nachbar im Gemeindebau und den habe ich sowieso immer gegrüßt und einmal für ihn eingekauft, als er krank war? Oder werden wir sagen müssen, meine Brüder und Schwestern sind die, die in Moria verbrannt sind – leider bevor wir etwas für sie tun konnten? Sie sind aber nicht verbrannt, zumindest ihre Körper nicht, sie sind bloß auf der Stecke geblieben. Einfach so. Weil auch sie sich Ort und Zeit ihrer Geburt nicht ausgesucht haben und ihre Not sehr wohl nicht „nur“ privat, sondern auch systemimmanent war, und sie nichts anderes erhofft hatten als ein Leben mit Sicherheit und Zukunft für sich und ihre Kinder. Und mit dieser Hoffnung in Moria und all den anderen Lagern gelandet sind, deren Namen wir nicht einmal kennen.

Die Frau, die versucht die Verbrennungen ihres Kindes mit dem Rest Wasser zu lindern, könnte genauso gut ich sein; der junge Mann, der durch Krieg traumatisiert und ohne Möglichkeit seine zukünftige Familie zu ernähren, nach drei Fluchtversuchen im Lager gestrandet ist, könnten Sie sein, Herr Bundeskanzler. Die Kinder, die in ihrem Leben noch nichts anderes erlebt haben als Hunger, Angst, Flucht und jetzt auch noch Tränengas, könnten Ihre sein, Herr Außenminister. Das ist kein Auf-die-Tränendrüsen-Drücken, das ist einfach ein Fakt. Ich habe es mir nicht ausgesucht, Sie haben es sich nicht ausgesucht, „die anderen“ haben es sich auch nicht ausgesucht.

Würde ich an Wiedergeburt und Karma glauben, könnte ich mich vielleicht damit zufrieden geben, dass Menschen, Familien, Kinder, Babys mit Tränengas beschossen werden, um sie in das Feuer zurückzutreiben, dass hinter ihnen liegt. Selbst dann käme es mir reichlich zynisch vor, mir auszudenken, dass alle diese Menschen in ihren früheren Leben so viel Schlechtes getan haben, dass sie jetzt die gerechte Strafe dafür erleiden und im geduldigen Hinnehmen sich besseres Karma für ihr nächstes Leben erwirtschaften können. Ich glaube aber nicht an Wiedergeburt und Karma und ich nehme an, die meisten von Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, auch nicht. Ich glaube auch nicht daran, dass alles Schicksal vorherbestimmt ist – dass die einen von Gottes Gnaden Macht erhalten und die anderen Ohnmacht; dass die einen von ihm als Reiche bestimmt werden und die anderen als Arme und dass das so seine gute Ordnung hat. Dieser Gott wäre nämlich nicht der christliche Gott, der selbst Armut und Ohnmacht angenommen hat und stets auf der Seite derer steht, die dies ebenso erfahren.

Und das bedeutet, dass Sie und ich nichts, aber auch gar nichts dafür getan haben, im 20. oder 21. Jahrhundert in Österreich gelandet zu sein, in der Gnade der späten Geburt. Ich muss gar nicht auf Emotionalität setzen, ich muss nicht auf Ihre Menschlichkeit oder Großzügigkeit pochen; es genügt, an Ihren Verstand, ihre Ratio zu appellieren, die klar und deutlich sagen müssten: Mir geht es gut, uns geht es gut, wir haben viel und wir haben nichts dazu getan, in diesem Land zu leben. Wir sorgen gut für unser Land und kümmern uns um alle Österreicher und Österreicherinnen, also werden wir unserer Verantwortung darüber hinaus für diese Welt und die Menschheitsfamilie gerecht und lassen Menschen, die ein je „anderes Ich“ sind und sich ebenso Ort und Zeit ihrer Geburt nicht ausgesucht haben, vor unserer Haustüre nicht einfach verkommen und in einem Elend ohne Zukunft stecken.

Zelte und Essen sind wunderbar und angebracht als schnelle Notlösung, aber ein Leben mit Zukunft (wie wir es in unserem Wohlfahrts- und Wohlstandsstaat verstehen und uns Österreichern Wahlplakate aller Parteien versprechen) ermöglichen sie nicht.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Damen und Herren der österreichischen Bundesregierung, Sie müssen keine geflüchteten und irgendwo in der Hoffnungslosigkeit gestrandeten Menschen in Ihren Wohnungen oder Häusern aufnehmen. Sie müssen nicht Ihre Betten, ihren Strom aus der Steckdose, Ihr fließendes Wasser aus dem Wasserhahn, ihr hart verdientes Essen mit ihnen teilen. Lassen Sie einfach zu, dass andere Menschen das tun.

Dass die Bürgermeister, Gemeinden, Kirchen, Institutionen und Privatpersonen das tun können, was Not tut. Bitte hindern Sie uns nicht daran. Sie hindern uns nämlich nicht daran, Gutes zu tun, was schon schlimm genug wäre. Sie hindern uns daran, das Selbstverständliche zu tun – als Menschen anderen Menschen in Not zu helfen, Männern und Frauen und ganz besonders Kindern ein Leben in Sicherheit, in Frieden und mit Hoffnung auf eine Zukunft zu ermöglichen; etwas von dem vielen, das uns geschenkt ist, zu teilen. Knapp 9 Millionen Menschen in ihrer bunten Vielfalt können auch noch mit 10, mit 144, mit 1000 anderen Menschen teilen, ohne dass sie ärmer werden; ohne dass sie von Fremden, Andersdenkenden, Andersgläubigen, Anders-was-auch-immer „überrannt“ werden; ohne dass uns irgendetwas genommen würde, von dem wir denken, dass es uns zusteht – auch, wenn dem gar nicht so ist. Lassen Sie zu, dass wenigstens ein paar wenige Menschen aus dem ehemaligen Lager Moria oder anderen Lagern, in denen Geflüchtete unter verheerenden Bedingungen hausen müssen, in Österreich aufgenommen werden können. Lassen Sie es zu! Bitte!

 

Dieser Brief ist meine Meinung als Privatperson und nicht als Mitglied irgendeiner Institution, eines Vereins oder sonstigen Gruppierung.

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Maja Schanovsky

Missionsleiterin und -ausbildnerin
Leitung Studentenheim
in Akademie für Dialog und Evangelisation

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