Konrad Paul Liessmann: “Manchmal verspüre ich Lust daran, Menschen ihre Wünsche zu zerstören”


von Julia Pahl am

Die Frage nach dem Guten und dem Bösen, der moralisch richtigen oder falschen Tat, hat die Menschen zu allen Zeiten umgetrieben. Im Gespräch mit Österreichs bekanntestem Philosophen Konrad Paul Liessmann klären wir die Gretchenfrage der Ethik aufs Neue und landen dabei überraschend bei der tiefsten Menschheitssehnsucht: „Wie führe ich ein glückliches Leben?“

 

 

So ganz kommt man ihm nicht auf die Schliche. Der Philosoph und Autor Konrad Paul Liessmann, den wir in der Universitätstraße 1 zum Interview treffen, spricht offensichtlich lieber über die ganz großen Fragen der Philosophie, als über sich selbst. Hier holt er weit aus, bis zurück in die Antike. Seit damals haben sich Philosophen konstant mit dem Guten und dem Bösen in der Welt auseinander gesetzt. Klar ist seitdem, dass nichts klar ist. Was gut oder böse ist, ist nicht in Stein gemeißelt, sondern wurde in jeder Gesellschaft und Epoche neu verhandelt. Auf die Frage was an ihm böse sei, weicht er zunächst aus. Und antwortet schließlich, er verspüre hin und wieder die „Lust an der Kritik und an pointierten Aussagen. Die Lust daran, Menschen ihre Vorstellungen, ihre Wünsche zu zerstören“. Das klingt zwar nicht gerade edelmütig. Aber nach richtig böse eben auch nicht. Aber was bedeutet es überhaupt, böse zu sein? Für Liessmann ist es die Anwendung von Gewalt. Und zwar in jeder Form. So kategorisch würde diese vielleicht nicht jeder ablehnen. Spätestens beim Tyrannenmord scheiden sich in der Regel die Geister. Und was ist eigentlich gut? Die Jahrtausendfrage scheint fast noch schwerer zu beantworten. Daher nähern wir uns ihr schließlich darüber, was dem Menschen das Wichtigste ist. „Das Leben ist das Entscheidende das wir haben, es macht uns aus. Und ich denke, dass jedes Wesen das lebt, in gewisser Weise auch das Recht dazu hat. Also kann der Maßstab des Guten ja nur sein, inwieweit ich dieses Recht unterstütze.“ Das sitzt. Für den Philosophen hat wohl auch der Tyrann das Recht auf Leben.

 

“Der Maßstab des Guten kann nur sein, inwieweit ich das Recht auf Leben unterstütze”
K. P. Liessmann 

 

 

 

Die Natur des Menschen

Wenn der Mensch das Recht auf Leben unterstützen soll, bedeutet das, der Mensch ist in der Lage zum guten Handeln. Ist er vielleicht sogar von Natur aus gut? Sicher nicht, meint Liessmann. Aber eben auch nicht böse geboren. Er ist ein Fan des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, hat selbst ein Buch über ihn geschrieben und ist der Meinung, alles basiere auf der menschlichen Freiheit. Er sieht den Menschen als frei geborenes Wesen, der sich als solches für das Gute oder das Böse in jeder Situation entscheiden kann – und muss. Sowohl die Freiheit zur Entscheidung, als auch die Verantwortung dafür liegt beim Individuum selbst.

 

“Wir sind gerade deshalb frei, weil wir das Gute oder das Böse tun können. Nicht weil das in uns schon angelegt ist, sondern weil wir uns dafür entscheiden – das ist ganz was Anderes.“
K. P. Liessmann

 

 

 

Die Rhetorik des Guten im Dienste des Bösen

Besonders gravierend sind diese freien Entscheidungen in der Politik, wo die Wahl einzelner Regierender das Schicksal vieler Regierter bedeutet. Die Politik ist ein amoralisches Geschäft, meint Liessmann. Trotzdem fungiert die Moral auf politischer Ebene als ständige Handlungslegitimation. Unter dem Gesichtspunkt des unmoralischen Verhaltens einzelner Staaten werden Sanktionen verhängt, Abkommen verlassen und militärische Interventionen gebilligt. Auf dem internationalen Markt fordert derweil die Mär der guten Tat ihre Opfer. Freihandel, Wirtschaftswachstum und Wettbewerb werden als altruistisch motiviert dargestellt und unter der Verheißung eines besseren Lebens für die ärmere Weltbevölkerung propagiert. Doch Wettbewerb, so Liessmann, bedeutet immer Konkurrenz – Konkurrenz bedeutet Sieger und Verlierer. Und der Wohlstand der einen, basiert fundamental auf einem unerbittlichen Wettbewerbsverhalten gegenüber den anderen.

 

„Wer den Wettbewerb verherrlicht, verherrlicht nur eine andere Form des Krieges. Ist das gut? “
K. P. Liessmann 

 

 

Endstation Glück

Laut dem Kärntner zog es die Philosophie bei aller Fragerei nach ethischem Handeln aber meist noch zu einer anderen Frage hin, nämlich: Was macht ein glückliches Leben aus? Und obwohl er sich auch hier auf den Wissensschatz beruft, den die alten Philosophen angesammelt haben, ist man geneigt, dieses Eine seiner persönlichen Lebenserfahrung zuzuschreiben: Glück, so Liessmann sinngemäß, beinhaltet ganz wesentlich auch die Erfahrung von Leid und das Wissen darum, dieses Leid überstanden zu haben. Und er sagt weiter, Glück lasse sich nicht als Lebensziel festlegen. “Man kann es nur retrospektiv als solches erkennen. Das heißt, ich weiß vielleicht wann ich glücklich war, aber ich weiß nie was ich jetzt tun muss, um glücklich zu werden.”

 

„Glück kann man nicht anvisieren, es ist etwas, von dem man weiß: Es ist gewesen“.
K. P. Liessmann 

 

Mit dem Guten, dem Bösen und dem Glück ist es also so eine Sache. Vielleicht sollte man den bestimmten Artikel vor diesen Begriffen ein für alle Mal weglassen, in einer fest definierbaren Form gibt es sie nämlich nicht. Eines haben die drei aber wohl gemeinsam: Sie sind mit Worten schwer erklärbar, sobald man sie aber ganz unmittelbar erfährt, weiß man es ganz genau.

 

Das gesamte Interview zum Nachhören gibt’s hier:

 

 

 

    Julia Pahl

    “Utopia lies at the horizon.
    When I draw nearer by two steps,
    it retreats two steps.
    If I proceed ten steps forward, it
    slips ten steps ahead.
    No matter how far I go, I can never reach it.
    What, then, is the purpose of utopia?
    It is to cause us to advance.”

    ― Eduardo Galeano

    1. Sehr interessant! Relevant für das Thema sind meines Erachtens auch Joachim Bauers Buch “Schmerzgrenze” (neurobiologisch gesehen üben nur jene Menschen Gewalt aus, die selbst Gewalt erfahren haben), und Victoria Rationis Essay über den “Nichtreligiösen guten Menschen”.

      LG Sarah

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