Gedenke, denn auch Du hast eine Bringschuld!


von Sonja Mayer am

Wir haben ein Spiel gespielt. […] Wir haben den Adolf Hitler nachgemacht und das, was früher passiert ist.“ Wir waren über seine Taten „nicht informiert“, so die Verteidigung eines 14-jährigen Schülers. Wie vor kurzem bekannt wurde, hat eine Klasse im Burgenland, nachdem sie im Unterricht „Die Welle“ durchgenommen hatten, das Gesehene kurzerhand nachgespielt. Der Film, nach dem gleichnamigen Buch von Morton Rhue, beruht auf dem ausgeuferten Experiment aus den USA 1967. Ein Highschool-Lehrer versuchte dabei aufzuzeigen, wie einfach die Masse einem totalitären System blind gehorchen und von diesem manipuliert werden kann.

Wir wussten nicht, was wir taten“, ein Satz, der allen, die sich auch nur ein bisschen mit dem Nationalsozialismus und dessen Strafprozessen auseinandergesetzt haben, die Haare aufstellen sollte. Ein Satz, den wir hauptsächlich aus historischen Gerichtsprozessen kennen sollten, da er von vielen ehemaligen NSDAP Mitgliedern und SS-Anführern missbraucht wurde, um jegliche Schuld von sich zu weisen.

Dennoch sind Vorfälle wie dieser leider kein Einzelfall.

Den Jugendlichen war vielleicht nicht bewusst, was sie taten, aber ist nicht eben dieses Unwissen am gefährlichsten? Ist nicht genau deshalb, die aktive Auseinandersetzung mit dem Holocaust, vor allem mit den einzelnen Schicksalen Überlebender so bedeutsam? Machen wir uns vielleicht sogar schuldig, indem wir vergessen?

 Gedenkstätte Konzentratrionslager Mauthausen
Gedenkstätte Konzentratrionslager Mauthausen
(Foto aufgenommen bei der jährlichen Film Retrospektive vor Ort)

Das Gedenkjahr 2018 bietet ausreichend Anlass, sich (vielleicht auch erstmals) mit den Grauen des Holocausts auseinanderzusetzen, Zeitzeugen zuzuhören, zu gedenken und aus der Geschichte zu lernen, sodass wir alle dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft sich gemeinsam in eine positive Zukunft entwickelt.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und Österreichs Nazi-Vergangenheit ist nicht einfach! Sie kann nicht nebenbei passieren. Biographien von Zeitzeugen sind keine „Gute-Laune-Lektüre“, Filme über den Holocaust sieht man sich nicht gemütlich mit einer Schüssel Popcorn am Sofa an. Diese Bücher, Filme, Erzählungen brauchen Raum. Man muss sich emotional auf sie einlassen und dem Gelesenen, Gesehenen, Gesagten mit voller Aufmerksamkeit folgen, sonst kann man es nicht wirklich aufnehmen, verstehen und verarbeiten.

 

„Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie! Sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung.“
Michael Köhlmeier

 

gedenken Verbrennungsofen im KZ Auschwitz
Verbrennungsofen im KZ Auschwitz

Dass es wichtig ist, dass wir uns weiterhin damit auseinandersetzen, zeigen Vorfälle, wie jener im Burgenland oder auch die Schilderungen von Ex-Neonazi Heidi Benneckenstein.

In ihrem Buch “Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie” beschreibt Heidi Benneckenstein ihren Ausstieg aus der Neonazi-Szene. Es ist erschütternd, wie sie einleuchtend vor Augen führt in welcher Parallelgesellschaft sie aufgewachsen ist. Heidi Benneckenstein ist genauso alt wie ich. Daher könnte man annehmen, dass unsere Kindheit ähnlich verlaufen ist. Doch dem war nicht so. Während ich Urlaub am Bauernhof machte und am Strand Sandburgen baute, verbrachte sie ihre Ferien damit Karten des ehemaligen deutschen Reiches auf Holzscheiben zu zeichnen und deutschnationale Liederbücher auswendig zu lernen.

Auch sie, hat erst durch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und dem Blick von außen verstanden, in welcher Parallelwelt sie aufgewachsen ist und konnte aus der Neonazi-Szene aussteigen.

schuldig Erinnerungssteine an deportierte Juden in Saarbrücken
Erinnerungssteine an deportierte Juden in Saarbrücken

Gedenken, ist aber mehr, als scheinheilig bloße Worthülsen von „niemals vergessen“ und „niemals wieder“ vor uns herzuschieben, wie auch Michael Köhlmeier in seiner Rede am Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus in der Wiener Hofburg ermahnte. Wir dürfen nicht in den genervten Modus „nicht schon wieder eine Gedenkveranstaltung“ verfallen, sondern müssen uns aktiv mit dem Geschehenen auseinandersetzen. Sobald wir Überlebenden gegenübersitzen, ihren Erzählungen lauschen und erfahren was sie ertragen mussten, wird es uns berühren und die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Erinnerung klarwerden.

Nein, es ist kein leichtes Thema, keine einfache Lektüre für den Nachmittag im Liegestuhl am See, aber es ist essentiell, sich damit zu beschäftigen, darüber zu reden, die Informationen an Mitmenschen und die nächste Generation weiterzugeben und nicht zu vergessen!

gedenken Gedenktafel im KZ Sachsenhausen bei Berlin
Gedenktafel im KZ Sachsenhausen bei Berlin

Wann hast Du das letzte Mal ein Buch gelesen hast, das sich mit dem Holocaust beschäftigt? Wann hast Du zuletzt eine Doku über Konzentrationslager gesehen oder warst selbst in einer Gedenkstätte? Wann hast Du zuletzt den Berichten von Zeitzeugen zugehört? Wann hast Du zuletzt den Opfern gedacht?

Wir müssen darüber reden! Rede mit deinen Freunden und vor allem, (deinen) Kindern darüber! Kläre sie auf und mache ihnen verständlich, was in dieser Zeit passiert ist. Zeige ihnen Zeitzeugenberichte, oder besser noch, lasse sie selbst mit Überlebenden sprechen, solange es noch möglich ist! Denn vor allem durch die Auseinandersetzung mit individuellen Schicksalen, kann man verstehen, warum es so wichtig ist, die Vergangenheit nicht einfach als vergangen und abgeschlossen abzutun.

Jedes Land hat seine eigene Vergangenheit, die es aufarbeiten und in Erinnerung halten muss. 

Nur durch das proaktive Aufarbeiten der Gräueltaten, kann verhindert werden, dass sich diese Machtdynamiken wiederholen. Bücher und Filme, wie „Die Welle“, die sich genau mit dieser Problematik beschäftigen einfach aus dem Unterricht zu verbannen, ist jedenfalls nicht die richtige Lösung.  Wir müssen die Chance nutzen, in Dialog zu treten, aus der Vergangenheit zu lernen und versuchen im gemeinsamen Miteinander eine bessere Zukunft zu gestalten.Der 14-jährige Schüler hat sich, laut eigener Aussagen, mittlerweile Dokumentationen über den Nationalsozialismus angesehen, bei denen ihm „regelrecht schlecht geworden“ sei. Vielleicht bekommt er auch noch die Möglichkeit, mit Zeitzeugen zu sprechen. Wir dürfen niemandem, der sich, wie spät auch immer, mit dem Holocaust auseinandersetzen will die Türe verschließen.

schuldig

Wie sehr jemand Zeitzeugenberichte an sich heranlässt und das Gehörte, Gesehene, Gelesene verarbeitet kann man nicht beeinflussen. Man muss den Dialog jedoch zulassen, denn nur so besteht überhaupt die Möglichkeit die Perzeption Einzelner zu verändern.

Wir haben zwar keine Mitschuld an dem, was während des Holocausts passiert ist, aber wir haben eine Bringschuld, zu erinnern und die Geschichte an die nächsten Generationen weiterzugeben – und zwar jede(r) Einzelne von uns! Überlasse daher die Gedenk- und Erinnerungsarbeit nicht anderen! Wir müssen die Verbrechen des Nationalsozialismus in Erinnerung halten und dürfen sie nicht vergessen und verdrängen. Und auch Du trägst Verantwortung dafür!

 

Hier noch einige aktuelle Literaturempfehlungen und weitere Vorschläge zum Gedenken:

  • Benneckenstein, Heidi. Ein Deutsches Mädchen: Mein Leben in Einer Neonazi-Familie
  • Boyne, John. The Boy in the Striped Pyjama (Buch und Film)
  • Morris, Heather. The Tattooist of Auschwitz
  • Rhue, Morton. Die Welle
  • Spiegelman, Art. Maus
  • Wells, Orson. Animal Farm

Filme und Videos

Über weitere Veranstaltungen vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien kann man sich auch hier informieren.

    Sonja Mayer

    Studentin im Master "Judaistik"
    Inspizientin im ORF, Projektmanager bei "Hollywood in Vienna", Regieassistentin

    Medienkompetenz-Lehrgang 2018

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