Von Asien nach Europa


von Johanna Chovanec am

Täglich pendle ich mit der Fähre von Asien nach Europa und wieder zurück. Die Fahrten über manchmal ruhigen, manchmal stürmischen Bosporus lassen den Blick in die Weite schweifen. Vom asiatischen Kadıköy kommend, erstreckt sich linkerseits das Marmarameer; Istanbuls Inseln, die Adalar, sind in unweiter Ferne. Die Fähre bewegt sich in Richtung Karaköy, einem Hafenviertel auf der europäischen Seite. Nun sind die Inseln aus dem Sichtfeld verschwunden und der Topkapı Sultanspalast gelangt in meinen Blickwinkel, dahinter ragen die berühmten Minarette der Sultanahmet Camii, bekannt als die Blaue Moschee, und der Hagia Sophia gen Himmel.

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Die Aussicht auf der anderen Seite ist gleichermaßen schön; in unweiter Ferne trotz der Kiz Kulesi, der Mädchenturm, den oftmals hohen Wellen. Dahinter verbindet die Bosporus-Brücke, nach dem so genannten Putschversuch nun unbenannt in „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“, Asien mit Europa. In Gedanken zeichne ich den Weg des Bosporus, der das Marmarameer mit dem Schwarzem Meer verbindet, weiter; nach der ersten Brücke kommt die Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke, dann die neu erbaute Yavuz-Sultan-Selim Brücke, bis man an die natürliche Nordgrenze der Stadt stößt, das Schwarze Meer.

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Die Fähre nähert sich nun der europäischen Seite, schräg links vor mir, auf einem Hügel, thront der Galata Turm. Direkt vor mir erstreckt sich Istanbuls Skyline, die Wolkenkratzer der Finanzviertel Levent und Maslak. Weiter rechts, gleich am Ufer, prägt der Dolmabahçe Palast die Szenerie. Die Fähre biegt nun nach links ab; am Ufer des Hafenviertel Karaköys und vor allem auf der Galata Brücke erblicke ich etliche Fischer. Sie überspannt das Goldene Horn und verbindet die zwei europäischen Stadtteile mit einander.

Jeden Tag aufs Neue erstaunt mich Istanbul, berühren mich die Silhouetten seiner Wahrzeichen bei Sonnenaufgang und im warmen Abendlicht, verwundert mich das übergangslose Nebeneinander von Alt und Neu, überrascht mich die unglaubliche Ausdehnung der Stadt, betrüben mich die extremen Gegensätze zwischen arm und reich. Die Fährenfahrten über den Bosporus erden mich, ich atme, und spüre den Atem der Stadt, fühle, ob es ihr gut geht, und ob es mir gut geht. Nicht umsonst heißt der Bosporus auf Türkisch Istanbul boğaz, also Kehle.

Seit ungefähr einem Jahr sind jedoch auch andere Gefühle stetige Begleiter bei der Verwendung öffentlicher Verkehrsmittel: Unsicherheit, erhöhte Wachsamkeit und manchmal auch Angst. Die verschärften Kontrollen durch Sicherheitskräfte, die Polizeipräsenz an den Anlegestellen der Fähren, an den U-Bahn-Stationen, an Verkehrsknotenpunkten und bei Sehenswürdigkeiten erinnern an die omnipräsente Terrorgefahr. Allein in Istanbul gab es etliche Attentate in den letzten Monaten: Im Jänner wurden bei einem Selbstmordanschlag in der Altstadt zwölf Menschen getötet, im März starben mehrere Opfer bei einem Attentat auf der Einkaufsstraße Istiklal Caddesi, im Juni tötete eine Autobombe im Stadtteil Fatih knapp ein Dutzend Menschen, ein weiterer Terroranschlag am Atatürk Flughafen tötete mehr als 40 Menschen im gleichen Monat. Nach dem so genannten Putschversuch vom 15. Juli kehrte in den letzten Wochen wieder etwas Ruhe in der vormaligen Hauptstadt des Osmanischen Reiches ein – bis zum Anschlag letzten Samstag, den 10.12., der 44 Menschen das Leben kostete.

Heute in Istanbul zu leben bedeutet, tagtäglich die Vielseitigkeit und Schönheit der Stadt mit ihren jeweils ganz unterschiedlichen Vierteln zu erfahren, sich aber gleichzeitig dem Gefühl der Ungewissheit und Unsicherheit auszusetzen. In Istanbul zu leben bedeutet, die Gastfreundschaft der Istanbullus kennen zu lernen, die Wärme von Menschen zu empfangen, die, ­­oft selber Lebenskünstler, versuchen, einem in allen Lebenslagen zu helfen. In Istanbul zu sein bedeutet jedoch auch, sich der Gefahr und des Risikos bewusst zu sein, in einem Land zu leben, das an unterschiedlichen Fronten Krieg führt.

Johanna Chovanec

Johanna Chovanec studierte an der Universität Wien und an der Bilgi Universität Istanbul Vergleichenden Literaturwissenschaften. Derzeit arbeitet sie im Zuge des Horizon 2020 – Projekts „FEUTURE – The Future of EU-Turkey Relations. Mapping Dynamics and Testing Scenarios“ als Project Researcher an der Sabancı Universität in Istanbul. Ihre Forschungsschwerpunkte sind post-imperiale Narrative in der neueren türkischen Literatur, der Osmanische Mythos seit dem 19. Jahrhundert sowie Identitätskonstruktionen in der Türkei und in Europa. Ihre E-Mail Adresse ist: chovanec@sabanciuniv.edu

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