Podiumsdiskussion des Figlhauses im WUK
Die aktuelle geopolitische Situation und die ungelöste Klimafrage bereiten vor allem jungen Menschen große Sorgen. Grünen-Sprecherin Alma Zadić, Wissenschaftlerin Sigrid Stagl und Filmemacher Erwin Wagenhofer diskutierten im Wiener WUK, warum es trotzdem Hoffnung gibt und wieso Zuwarten auf die Politik nicht der richtige Weg ist.
Wien, 21.01.2026
Am 20. Jänner fand im WUK die öffentliche Diskussion ‚Europa am Scheideweg – zwischen Angst & neuer Hoffnung‘ statt. Die Veranstaltung wurde von der Akademie für Dialog und Evangelisation und der Europa-Hochschule CIFE organisiert. Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage, wie Europa mit gesellschaftlichen Spannungen, globalen Herausforderungen und wachsendem Transformationsdruck umgehen kann – und welche politischen, ökologischen und kulturellen Perspektiven neue Hoffnung geben.
Mehr Frauen für den Systemwandel
Regisseur Erwin Wagenhofer beschrieb die aktuelle Lage als globalen Wendepunkt: „Die ganze Welt steht an einem Scheideweg. Das Alte ist noch nicht weg, das Neue noch nicht da.“ Technologie allein könne gesellschaftliche Probleme nicht lösen, ebenso wenig ein Festhalten an Kapitalismus und Patriachat. Beiden schreibt Wagenhofer Mitverantwortung für machtpolitisches Ungleichgewicht zu. Vielmehr brauche es ‚BottomupBewegungen‘ und ein Umdenken in Fragen des Wirtschaftens und Zusammenlebens. Auf besorgte Publikumsfragen reagierte Wagenhofer ermutigend: Aktivwerden und der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit müssten zum Motor für die nötige Transformation werden. Auf Entscheidungen der Politik zu warten, hält der Filmemacher angesichts eines Systems, das sich laut Wagenhofer mehr um Kapital als um Menschen dreht, nicht für sinnvoll.
Wege aus der Krise
Auf der Suche nach Lösungen führte die Ökonomin und Wissenschaftlerin des Jahres 2024 Sigrid Stagl konkrete Zahlen ins Treffen und betonte die Notwendigkeit von Innovation wie Exnovation gleichermaßen. Neues annehmen, aber auch Ausgedientes gehen zu lassen, wäre für die jetzige Zeit angezeigt, so Stagl. Entscheidungsträger:innen müssten sich für jenen Weg entscheiden, der aus der Krise führen kann, statt jenen polemischen Standpunkten „hinterherzuhecheln“, die mit allen Mitteln am alten System festhalten und damit alte Pfründe bedienen: „Wir haben all das theoretische Wissen, das zu einem System Change notwendig wäre. In der Nahrungsmittelindustrie bedeutet das, Präzisionslandwirtschaft einzusetzen und einfach das anzubauen und zu konsumieren, von dem Ärzte uns sagen, dass es uns guttut. Zwei Drittel der Proteine aus pflanzlichen, ein Drittel aus tierischen Produkten. Stattdessen laufen 82% der Förderungen im landwirtschaftlichen Bereich in tierische Produkte, obwohl nur 36% der Kalorien von dort kommen, aber 84% der Emissionen.“
Massentierhaltung, mit denen gewisse europäische Länder den Rest der EU mit minderwertigem Billigfleisch überschwemmen, sieht Stagl als Teil des Problems an, mit dem die EU getrost aufräumen könne: „So würden wir sogar innerhalb der planetarischen Grenzen wirtschaften.“
Stagl vermisst außerdem eine positive Zukunftserzählung, um die man sich versammeln und Pläne in die Tat umsetzen kann.
Echte Begegnungen für echten Austausch
Die ehemalige Justizministerin und Parlamentssprecherin der Grünen, Alma Zadić, plädierte im Hinblick auf die USA unter Donald Trump auf eine Rückbesinnung auf eine regelbasierte Weltordnung, die Menschenrechte hochhält, nicht das Recht des Stärkeren.
Dass die Klimabewegung ins Hintertreffen gerät, frustriert die Politikerin: „Bereits in der Schule haben wir damals gelernt, welche irren Wege ein Nike-Turnschuh geht, bis er im Geschäft ankommt. Dass da Kinderarbeit im Spiel ist, Rohstoffe um die ganze Welt gehen. Dann gibt es endlich ein Lieferkettengesetz, das dem ein Ende bereiten soll, und es wird so weit aufgeweicht, bis nur mehr Bruchstücke übrig sind.“
Die aktuelle gesellschaftliche Spaltung führt Zadić auf die Fragmentierung der Realität durch die zunehmende Nutzung Sozialer Medien zurück. Enge Filter Bubbles, algorithmische Spins und fehlende gemeinsame Inhalte machen es mittlerweile schwer, sich auf Fakten zu einigen. Erzählungen von rechts, wonach „die Grünen den Österreicher:innen ihr Schnitzel wegnehmen wollen“ seien gleichsam falsch wie sinnlos und befeuerten einen Trend des „Klein-Klein“, der nie zu den eigentlichen Problemen der Gesellschaft aufschließe. Zadić wünscht sich ein Zurückkehren zu einer Gesprächskultur, die den direkten Austausch fördert und nennt dabei die Initiative ‚Österreich der runden und eckigen Tische‘ des Figlhauses als positives Beispiel.
Über die Veranstalter
Die Akademie für Dialog und Evangelisation im Figlhaus setzt sich seit vielen Jahren für gesellschaftlichen Austausch, Bildung und sozialpolitische Diskurse ein. Mit den Podiumsgesprächen schafft sie Raum für faktenbasierte Diskussionen und konstruktiven Dialog über ‚Gott und die Welt‘.
Der EU-Lehrgang des CIFE (Centre international de formation européenne) bietet eine einzigartige Ausbildung für eine neue Qualität europäischer Zusammenarbeit. Es soll
fachliches ‚Handwerkszeug‘ vermittelt und der Blick auf die ‚geistigen‘ Schätze sowie die europäische Identität vertieft werden.

Kurzbiografien der Gäste
Erwin Wagenhofer
Erwin Wagenhofer ist Regisseur und Drehbuchautor, bekannt für international beachtete Dokumentarfilme zu Globalisierung, Wirtschaft und Gesellschaft. Seine Arbeiten setzen sich kritisch mit strukturellen Missständen und möglichen Zukunftswegen auseinander.
Sigrid Stagl
Sigrid Stagl ist Gründerin des Instituts „Ecological Economics“ an der WU Wien und wurde 2024 zur Wissenschaftlerin des Jahres gekürt. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich nachhaltiger Wirtschaftsmodelle, ökologischer Transformation und innovativer Zukunftssysteme.
Alma Zadić
Alma Zadić ist stellvertretende Klubobfrau der Grünen und ehemalige österreichische Justizministerin. Sie engagiert sich seit vielen Jahren für Rechtsstaatlichkeit, Demokratiepolitik und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Informationen unter:
https://akademie-wien.at/
Ansprechperson: Mag. Michael Frey
michael.frey@akademie-wien.at
Fotos: Manfred Weis