Hat der Bürger eine Zukunft?


von Alen Batas am

„Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken“.

Als Heraklit vor 2500 Jahren über den idealen, sprich gebildeten, Bürger philosophierte, konnte er nicht damit rechnen, dass eine wirtschaftsorientierte Gesellschaftsordnung den Bürger obsolet werden lassen könnte. „Bürger“, allein dieses Wort wirkt schon verstaubt, völlig aus der Zeit gefallen. Heute ist man „Konsument“. Man konsumiert Güter, Dienste, Freiheit, Spaß, und in zunehmenden Maße – Meinungen. Wie Produktwerbung bekommt man Meinungen lautstark, aber rhetorisch gut verpackt serviert. Früher hat man sich seine Meinung selber gebildet. Hoppla, da sind wir wieder bei Bildung! Es scheint, dass hier der Hund begraben ist, also graben wir mal etwas tiefer.

 

Bürger (aus)bilden?
Fürs Leben lernen wir, nicht für die Schule!

(Aus)Bildungs-Bürger

Bekommen unsere Kinder heute in der Schule Bildung vermittelt? Was ist denn schulische Bildung im klassischen Sinn? Man denkt natürlich sofort an Lesen, Schreiben, Rechnen. Aber die Fähigkeit zu lesen bringt nichts, wenn man nicht in der Lage ist sinnerfassend zu begreifen, was das für ein Text ist, worum es da geht, und wer ihn warum geschrieben hat. Und schon sind wir wieder beim Konsumenten, denn ein Konsument, der sich Gedanken darüber macht, wie und wo ein Produkt hergestellt wird, ist für die Wirtschaft eher unnütz, das gilt sowohl für Handels- als auch Politprodukte. Und tatsächlich ist der Unterschied zwischen umweltbelastender Güterproduktion und populistischer Agitation gering: Beides ist für die Masse bestimmt, schafft den eigenen Bedarf, befriedigt diesen dann, und soll dabei aber bitte nicht hinterfragt werden.

Aber Dinge kritisch zu hinterfragen ist kein Selbstzweck. Wer gegen alle Weisheit behauptet, die Erde sein flach, hat zweifellos einen unabhängigen, kritischen Geist. Nein, hinterfragen können die Menschen gut, allein schon aus Trotz. Man muss aber auch in der Lage sein, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, und diese dann ständig zu aktualisieren. Ein Standpunkt mit dem Radius Null ist für niemanden hilfreich.

Aber was würde helfen?

Zuerst einmal müsste die alte Definition von „Wahrheit“ wiederhergestellt werden. In Zeiten, in denen jeder lügen kann, wie er will, und selbst bei Widerlegung seiner Aussage nichts zu befürchten hat, müssen wir uns als Gesellschaft überlegen, welche Werte, Überzeugungen, Ideale wir haben wollen/müssen.

Rechte reklamieren für sich Christentum, Stolz und Ehre, verbreiten aber hemmungslos Lügen, Gewalt und Angst. Linke brüsten sich für ihre inklusivistische Toleranz, sind aber im Minutentakt schockiert, wenn jemand eine andere Meinung hat. Früher standen die Menschen zu ihren Überzeugungen und handelten auch danach. Aber genau wie Handelsprodukte folgen Politprodukte einem Kreislauf: Branding, gehyptes Marketing, schnelles Wachstum, erreichen der marktbeherrschenden Stellung, erhoffte Monopolbildung, Rebranding.

Manchmal sind Dinge etwas komplexer...
Manchmal sind Dinge etwas komplexer…

Ja, und nun?

Vielleicht wäre es ein guter Anfang, einige Gedankengänge so einzustudieren, dass sie wirklich automatisch auftauchen (keine Angst, es ist wirklich leicht):

  • Woher ist diese Information und wie zuverlässig ist sie?
  • Gibt es weitere Quellen?
  • Ist das wissenschaftlich belegt oder ist das nur eine herumstreunende Meinung?
  • Welchen Nutzen hat der Verbreiter einer Aussage?
  • Habe ich nur eine Meinung, weil ich mir etwas so wünsche, oder habe ich tatsächlich Gedankenkraft investiert, um zu einem rationalen Ergebnis zu kommen?

 

Wenn Kinder in der Schule lernen würden, solche Fragen zu stellen, wäre der Anfang gemacht, um den Konsumenten wieder zum Bürger zu erheben. Aber ach! Mit einem Schulwesen, das Kinder nur soweit (aus)bildet, dass sie Politik und Wirtschaft als Käufer dienen, lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat machen. Wenn das die alten Griechen erlebt hätten.

    Alen Batas

    Content / Quality Manager bei B-Factor.

    Politikwissenschaftler, Europäer, Kaffee-Junkie, SciFi-Nerd

    Bildquellen

    • Fürs Leben lernen wir, nicht für die Schule!: https://pixabay.com
    • Zusammenhänge erkennen: https://pixabay.com

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