Roboter: Feind oder Kollege?


von Matthias Punz am

Die Digitalisierung der Wirtschaft schreitet voran. Roboter sind die Dampfmaschinen des 21. Jahrhunderts. Euphorie und funkelnde Augen bei den einen, die Furcht vor Massenarbeitslosigkeit bei den anderen. Doch was folgt wirklich auf die Vollautomatisierung der menschlichen Arbeit durch intelligente Maschinen? Und was hat das mit unserem Sozialsystem zu tun?

Es gibt da diese Geschichte vom Autobauer Henry Ford II. und dem populären US-amerikanischen Gewerkschaftsführer Walter Reuther. Ford soll Reuther Anfang 1954 stolz durch eine frisch automatisierte Fabrikhalle in Cleveland geführt haben. Wo früher 2000 Menschen Arbeit gehabt hätten, waren nun nur mehr knapp 500 Beschäftigte nötig. Die Maschinen machten den Rest. Ford soll den Gewerkschafter dabei süffisant gefragt haben, wie er denn künftig von Robotern Gewerkschaftsbeiträge einheben wolle. Reuthers parierte: „Und wie wollen Sie sie dazu bringen Autos zu kaufen?“

Digitalisierung verändert Arbeitswelt.

Diese Anekdote wird heutzutage wieder oft hervorgekramt, wenn es darum geht, ob durch die schier unglaubliche Schlagzahl technischer Neuerungen in den letzten und den kommenden Jahren unsere Arbeitsplätze bedroht sind und was das für unsere Gesellschaft insgesamt bedeuten würde. Wir stehen heute ebenfalls im Spannungsfeld von technischem Fortschritt und sozialem Rückschritt.

Die Geschichte zeigt nämlich eines sehr schön: Während für UnternehmerInnen Kostensenkung und Rationalisierung absolut logisch sind, wird dadurch gleichzeitig das System selbst untergraben. Es ist nämlich der Konsum, der die wichtigste Lebensader unseres Wirtschaftssystems darstellt. Ohne Beschäftigte, keine KonsumentInnen und dadurch keine Nachfrage nach den produzierten Gütern. Roboter kaufen bekanntlich keine Kühlschränke, Fernseher oder eben Autos.

Eines ist jedenfalls klar: Mit der fortschreitenden Digitalisierung im 21. Jahrhundert wird auch unser Wirtschaftssystem – und damit die Art und Weise, wie wir Geld verdienen – sein Gesicht verändern. Ob die Digitalisierung dabei nur zum „Betriebssystem des globalen Kapitalismus“ wird oder zu einem Wohlstandsmotor für alle, wird wohl von den politischen Rahmenbedingungen abhängen. Wie Technologie eingesetzt wird, ist immer auch eine Frage gesellschaftlicher Macht. Grundsätzlich könnte es ja sogar ein zivilisatorischer Fortschritt sein, wenn jede und jeder weniger arbeiten müsste.

Was mit Digitalisierung gemeint ist.

Was bedeutet Digitalisierung in diesem Kontext überhaupt? Im Grunde geht es dabei um die sogenannte Industrie 4.0 – ebenfalls ein Schlagwort. Unter diesem Begriff werden viele anstehende technische Neuerungen zusammengefasst. In dieser Lesart folgt auf die Mechanisierung (Dampfmaschine, Webstuhl), die Elektrifizierung (Fließband) und die Automatisierung (Elektronik und IT) nun die Digitalisierung der Wirtschaft. Als kleinster gemeinsamer Nenner ist die reibungslose Verschmelzung von Mensch, Maschine und digitalen Netzwerken zu komplexen autonomen Systemen gemeint. „Ziel ist, dass die Wertschöpfungskette, auch über Betriebsgrenzen hinaus, vollständig digital gesteuert werden beziehungsweise sich selbstorganisiert steuern kann“, erklärt der deutsche Ökonom Enzo Weber. (1)

In einfachen Worten: Alles wird mit allem vernetzt sein und zu einem großen Ganzen verschmelzen. Riesige Rechner überwachen ganze Produktionsketten, Fehler werden automatisch erkannt und selbstständig behoben. Menschen sind in so einem Prozess demnach überflüssig.

„Alles wird gemessen, gespeichert, analysiert und prognostiziert, um es anschließend zu steuern und zu optimieren“, fasst die deutsche Autorin und Big Data-Unternehmerin Yvonne Hofstetter in ihrem aktuellsten Werk, das sich künstlicher Intelligenz widmet, zusammen. Das betrifft vor allem auch die Arbeitswelt. Der Mensch wird „zum Computer umgewidmet, mindestens wird er Teil des globalen Megarechners“, dessen Komponenten künftig alle vernetzt sein werden. Im sogenannten Internet der Dinge redet alles mit allem, Dinge mit Dingen, Menschen mit Dingen und umgekehrt.

Die Entwicklung ist rasant. Künftig werden Maschinen und Roboter Aufgaben erfüllen können, von denen man vor Jahrzehnten noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Quelle: pixabay.com

Die Frage nach der Zeitenwende.

Technische Revolutionen hat es schon oft in der Geschichte gegeben. Die Diskussionen waren meistens dieselben. Auch die Angst, dass uns die Arbeit „ausgeht“, ist nicht neu. Der Ökonom Enzo Weber relativiert daher: „Natürlich tendiert jede Generation nur allzu leicht dazu, das vor ihr Liegende als qualitativen Sprung zu deuten, der alle bisherigen Gesetze und Reaktionsmuster obsolet macht.“ (2)

Nur ein Beispiel: 90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung waren im Jahr 1810 noch in der Landwirtschaft tätig, heute sind es weniger als zwei Prozent. Also wurden praktisch alle zu Beginn des 19. Jahrhunderts existierenden Jobs in den Vereinigten Staaten vernichtet. Trotzdem ist heutzutage nicht jeder und jede AmerikanerIn arbeitslos. (3)

Was wirklich neu ist.

Wesentliche Faktoren sind jedoch neu, warnt der US-Autor Martin Ford in seinem prämierten Buch „Aufstieg der Roboter“. Erstens sind erstmals nicht nur einzelne Zweige oder Sparten betroffen, sondern die Wirtschaft in ihrer Gesamtheit. Und zweitens betrifft es erstmals nicht nur Jobs mit geringfügiger Qualifikation, sondern Arbeitsplätze quer über verschiedenste Qualifikationsstufen hinweg.

Wieder ein Beispiel: RadiologInnen sind darauf spezialisiert Röntgenbilder oder MRT-Aufnahmen zu interpretieren. Dies verlangt eine langjährige Ausbildung und ein hohes Maß an Wissen. Trotzdem gehen ExpertInnen davon aus, dass es absolut vorstellbar ist, dass die Radiologie in Zukunft exklusiv von Maschinen durchgeführt werden könnte, da Computer schon heutzutage immer besser und besser darin werden, Bilder zu analysieren.

Ein anderer Bereich, bei dem man vielleicht am ersten Blick nicht von Ersetzbarkeit ausgehen würde: Anwaltskanzleien. Beim VW-Abgasskandal waren es beispielsweise nicht mehr Scharen von AnwältInnen, die die tausenden Dokumente, E-Mails und Memos nach bestimmten Schlagworten durcharbeiteten, sondern ein Computerprogramm namens E-Discovery. Die Software wird dabei auf ein bestimmtes Suchverhalten programmiert und bereitet dann alle relevanten Dokumente für die AnwältInnen auf. (4)

Computer können in Zukunft durch verschiedene Erfahrungen immer besser und schlauer – vielleicht irgendwann einmal sogar selbstständig – werden, wenn man sie nur mit genug Daten füttert. Martin Fords These in „Aufstieg der Roboter“: Nicht mehr „Routinejobs“ allein, sondern jegliche Tätigkeit, die in irgendeiner Form „berechenbar“ ist, wird in Zukunft bedroht sein.

Keine Utopie mehr: Drohnen, die uns unsere Post bringen.
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Was falsch läuft.

Die Probleme gehen noch viel weiter als nur die letzten Jahre zurück. „In den Jahren nach dem Krieg sorgte der technische Fortschritt dafür, dass das Geld direkt in die Taschen des durchschnittlichen Arbeiters floss“, erklärt Martin Ford. Die Gehälter stiegen im selben Tempo wie die Produktivität. Die ArbeiterInnen gaben ihre steigenden Einkommen wieder aus, was wiederum die Nachfrage beflügelte. Diese Aufwärtsspirale trieb lange Zeit die gesamte Wirtschaft an. Für die heutige Welt gilt das nicht mehr, so der Wirtschaftsautor: Schlug sich die Produktivitätssteigerung früher noch direkt „in den Lohntüten der Arbeiter nieder“, so werden diese Zugewinne inzwischen „nahezu vollständig von den Firmeneigentümern und Investoren eingestrichen.“

Während die Gewinne der Unternehmen immer schneller stiegen, gingen ArbeiterInnen und Angestellte sogar in wirtschaftlich guten Zeiten oftmals leer aus. Für eine vollständig digitalisierte Zukunft würde das bedeuten: In einer solchen Welt wird der erarbeitete Kuchen nicht mehr über den Lohn aufgeteilt. Wenn man – im Extremfall – überhaupt keine Arbeitskräfte mehr braucht, würden die BesitzerInnen der Maschinen also theoretisch alle Gewinne allein einstreichen.

Digitalisierung bedeutet Produktivitätsgewinne. Wenige Beschäftigte können enorme Umsätze erwirtschaften. Wie sollen diese jedoch verteilt werden?
Quelle: klub.spoe.at

Was getan werden könnte.

Was also tun, wird man sich an dieser Stelle fragen. Höhere Bildung und die Aneignung zusätzlicher Qualifikationen allein werden in Zukunft wohl nicht mehr reichen. Man wird sich andere Mechanismen und Instrumente überlegen müssen, um den Wohlstand, Einkommen, Vermögen und Arbeitszeit zu verteilen.

Hier muss man Ideen wie die Wertschöpfungsabgabe erwähnen, durch welche die Sozialversicherungsbeiträge der ArbeitgeberInnen neu berechnet werden sollen. Sie sollen sich nicht mehr nur an den Löhnen orientieren, sondern unter anderem etwa auch am Gewinn des jeweiligen Unternehmens. In irgendeiner Form wird man jedenfalls die Bemessungsgrundlage auf breitere Beine stellen müssen, denn Unternehmen, die Arbeitskräfte durch intelligente Maschinen ersetzen, steigern sonst nicht nur ihren Gewinn, sondern zahlen gleichzeitig auch weniger ins Sozialsystem ein.

Bill Gates schlägt in dieselbe Kerbe, wenn er eine Robotersteuer fordert. Für Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller kann eine solche Steuer ebenfalls einige negative Aspekte der Digitalisierung abfedern: „Eine Robotersteuer könnte diesen Prozess verlangsamen und Geld für Anpassungsmaßnahmen wie Umschulungen für verdrängte Arbeitnehmer zur Verfügung stellen.“ (5)

Zudem sei eine Roboterbesteuerung bzw. Wertschöpfungsabgabe eine politisch bessere Lösung um die steigende Ungleichheit zu mildern als beispielsweise ein bedingungsloses Grundeinkommen. 78 Prozent in Österreich sprechen sich auch für eine solche Robotersteuer bzw. Wertschöpfungsabgabe aus, geht aus einer Sora-Umfrage für den Volkshilfe-Sozialbarometer hervor.

Auch Modelle der Arbeitszeitverkürzung können Linderung schaffen, indem man die nachgefragte Arbeitsmenge auf möglichst viele Menschen verteilt. Dabei sollte man auch über die Verteilung unbezahlter (Care-)Arbeit reden. Dabei geht es vor allem um Geschlechtergerechtigkeit, welche im Zusammenhang mit neuen Entwicklungen der Arbeitswelt bisher kaum thematisiert wird. „Denn auch in einer vollautomatisierten Gesellschaft müssen Kinder erzogen, Menschen gebildet und Alte gepflegt werden“, merkt dazu auch Technikphilosoph Mads Pankow an. (6)

Steuerung statt Selbstentmachtung.

Die Frage der Finanzierung des Sozialstaats in einer digitalisierten Ökonomie wird jedenfalls ein zentrales Problem und letztendlich eine Frage der Lastenverteilung in einer Gesellschaft. Eng daran geknüpft wird daher die Frage eines zukunftsfähigen und gerechten Steuersystems essenziell sein. Steuerschlupflöcher und Steuerflucht werden wir uns nicht mehr länger leisten können, wenn gleichzeitig die Finanzierung öffentlicher Leistungen bröckelt. Ein erster Schritt wäre es somit auch gegen Steuerflucht vorzugehen, auch wenn dies nur indirekt mit Digitalisierung zu tun hat.

Damit diese nämlich, wie eingangs erwähnt, nicht einfach nur zum „Betriebssystem eines globalen Kapitalismus“ wird, sondern möglichst zum Wohlstandsmotor für alle, wird man nicht umhinkommen die Frage nach einer gerechten Verteilung von Vermögen, Einkommen und Arbeit zu stellen. Der technologische Fortschritt wird oftmals als ein Naturereignis oder eine höhere Macht dargestellt, auf dessen Gestaltung Politik und Gesellschaft keinen Einfluss haben – Selbstentmachtung war jedoch noch nie ein Weg zu einer besseren Gesellschaft.

 

Empfehlung für Interessierte – Letztes Jahr habe ich mir für die Kontrast-Redaktion das Phänomen des Crowdworkings angesehen: https://kontrast-blog.at/crowdworking-wer-in-oesterreich-um-2-euro-die-stunde-arbeitet/

(1) http://blog.arbeit-wirtschaft.at/industrie-4-0-jobmaschine-oder-jobvernichterin/

(2) ebd.

(3) http://www.zeit.de/2015/35/loehne-arbeitskampf-gewerkschaften-lohnklau-oekonomie/seite-2

(4) http://www.handelsblatt.com/unternehmen/dienstleister/anwaelte-und-big-data-auch-die-kanzlei-wird-digital/12904188.html

(5) https://kontrast-blog.at/wie-die-robotersteuer-jobs-rettet/

(6) https://agora42.de/interview-mads-pankow/

Quelle Blog-Hauptbeitragsbild: PaulM/pixabay.com

Matthias Punz

Politik|Medien|Ökonomie|Zeitgeschichte

Zurzeit im interdisziplinären MA Zeitgeschichte und Medien, Uni Wien
Davor: BA Volkswirtschaftslehre, Uni Wien

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