Wie Medien unser Weltbild beeinflussen – Und wie wir uns dabei auf die Schliche kommen können


von Michael am

Die Medienwelt ist im Umbruch, und mit ihr die Gesellschaft. Um mit diesen Veränderungen umgehen zu können müssen wir uns unseren Umgang mit Medien bewusst machen – und wie sie uns beeinflussen:

Ein Aufruf zum (selbst-)kritischen Medienkonsum

Ein erkenntnistheoretisches Problem

„Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden. Die Berufung auf Objektivität ist die Verweigerung der Verantwortung – daher auch ihre Beliebtheit.“ Dieser provokante Satz stammt vom Physiker, Kybernetiker und Universalgelehrten Heinz von Förster, und zeichnet ein düsteres Bild der Möglichkeiten zur Welterkenntnis. Er lässt sich aber nicht nur erkenntnistheoretisch verstehen, sondern auch im Hinblick auf die Produktion von Medieninhalten – und der höchsten Maxime der journalistischen Praxis: Der Objektivität.

Die Schwierigkeit sich dies einzugestehen, und stattdessen auf die Objektivität der eigenen Berichterstattung zu pochen, spielt wohl auch bei der aktuellen Vertrauenskrise der Medien eine Rolle. Natürlich kommt bei den Lesern, Sehern und Hörern Zweifel auf, wenn sie in einem Medium mit einer Sichtweise konfrontiert werden, wo anders aber das genaue Gegenteil behauptet wird. Und beide für sich reklamieren objektiv zu sein. Ein offenerer Zugang der Verantwortlichen dazu wie Medienproduktion funktioniert, würde wohl bei vielen Konsumenten wieder zu einem Vertrauenszuwachs führen. Über die Schwierigkeiten einer ordentlichen Berichterstattung und der oftmaligen Unmöglichkeit alle relevanten Informationen zu sichten wird aber nicht gesprochen. Hier wäre mehr Offenheit wünschenswert.

Damit soll aber das Streben nach Objektivität keineswegs kritisiert werden, selbstverständlich muss sie die Maxime eines jeden Journalisten bleiben. Dass dies aber nur ein Streben sein kann, und das Ziel per Definition nie erreicht werden kann, muss auch im Hinterkopf behalten werden. Die Einhaltung des journalistischen Leitsatzes „Check, Recheck, Doublecheck“ kommt dem erhobenen Anspruch aber noch am Nächsten. Er sollte auch von allen ernst genommen werden, die ihren Beruf ernst nehmen. Problematisch ist hier allerdings der Entwicklungspfad, den die Medienbranche in den letzten Jahren eingeschlagen hat, wenngleich auch unverschuldet. Finanzielle und personelle Engpässe verschlechtern zunehmend die Bedingungen für fundierte Recherche und qualitativ hochwertigen Journalismus.

Schöne neue Medienwelt

Die aktuellen Veränderungen in der Medienbranche gehen mit dem Umbruch einher, der durch die Digitalisierung angestoßen wurde. Onlinemedien und Onlineauftritte von Printmedien werden zunehmend wichtiger. Dies bringt die Verlage unter Druck, wobei noch keine Strategie gefunden wurde um die finanziellen und folglich personellen Verluste wettzumachen. Der ohnehin vorhandene Stress im Alltag eines Journalisten nimmt so zu, und es bleibt abzuwarten wohin diese Entwicklung führen wird. Umfassende Recherchearbeit oder Zeit zur Selbstreflexion kommt es auf jeden Fall nicht entgegen.

Zudem verändert die „digitale Revolution“ die Funktionsweise von Medien. Journalisten müssen nunmehr ihre Artikel nicht nur bis Redaktionsschluss fertig haben. Für aktuelle Ereignisse müssen sie immer „up to date“ sein und in Echtzeit Onlineartikel verfassen. Dabei ist aber oft der Nachrichtenwert nachrangig, im Vordergrund stehen meist Werbeeinnahmen. Dafür wird mit vielerlei Mitteln um mehr „Klicks“ gekämpft. Als Beispiel soll nur eine Strategie genannt werden: Für ein und denselben Artikel werden mehrere Schlagzeilen geschrieben, und dann in diesen verschiedenen Versionen über soziale Medien verbreitet. Jene Schlagzeile, die die meisten Aufrufe generiert wird dann beibehalten.

Mehr zur Funktionsweise von Onlinemedien und eine Analyse des größten deutschsprachigen Onlinemediums aus Sicht der Data Science:

Dabei wären wir auch bei einem bisher unerwähnt gebliebenen Bereich der modernen Medienwelt angelangt, den sozialen Medien. Das Selektionsprinzip der klassischen Medien (Journalisten entscheiden als „Gatekeeper“ was relevant ist) wird hier an Algorithmen ausgelagert. Diese zeigen dem User nur mehr jene Berichte an, die er wahrscheinlich anklicken wird. Man wird also nur mehr mit Artikeln konfrontiert, die ohnehin schon mit dem eigenen Weltbild übereinstimmen. Die Folge sind „soziale Blasen“. Andere Meinungen werden gar nicht mehr wahrgenommen, geschweige denn sich damit auseinandergesetzt. Gerade das wäre aber im Sinne einer politischen Meinungsbildung wichtig.

In abgeschwächter Form findet sich dieses Problem aber auch in den klassischen Medien. Redakteure bestimmen die Themensetzung, welche sie auch daran orientieren, was sie glauben, dass ihre Konsumenten wollen. Diese wiederum setzen sich nur mit jenen Berichten auseinander, die bereits für sie vorselektiert wurden. Beide Seiten nähern sich so zunehmend an, und das mediale „Fenster in die Welt“ wird enger.

Die Themensetzung prägt also das Weltbild, wobei die Konsumenten indirekt, über die Macht der Nachfrage, Einfluss darauf haben. Dies führt aber langfristig zu einer zunehmend einheitlichen Berichterstattung, man druckt und sendet nur was gefällt. Dabei orientieren sich Redakteure aber auch an medialen Trends. Der Druck, mit immer weniger Ressourcen arbeiten zu müssen, erschwert die eigenständige Suche nach Geschichten, die es wert sind erzählt zu werden. Oft werden Themen einfach von anderen Medien übernommen. Überregionale Medienmacher orientieren sich an internationalen Medien und Presseagenturen; lokale Medienhäuser wiederum an den Themen der „großen“ Zeitungen und Fernsehsender.

Der Medienwissenschaftler Uwe Krüger zeichnet in seinem aktuellen Buch „Mainstream“ anschaulich nach, wie die Medienlandschaft so zu einer relativ einheitlichen Berichterstattung kommt. Er konstatiert, anhand einiger anschaulicher Beispiele, eine Verengung des publizierten Meinungsspektrums. Medienkonsumenten werden dabei aber in aller Regel allein gelassen. Auf der Suche nach anderen Sichtweisen wenden sie sich nur allzu rasch von den klassischen Medien ab, verzichten ganz auf Nachrichten oder suchen sich (oft zweifelhaften) Ersatz in den Weiten des WWW. Hier braucht es engagierten Medienjournalismus von selbstreflektierten Journalisten (wie bei uebermedien.de), aber auch einen kritischen Blick „von außen“, wie er von Medienwissenschaftlern wie Krüger kommt. Zu guter Letzt sind aber auch die Medienkonsumenten selbst gefordert.

Übungen zum reflektierten Medienkonsum

Die bisherigen Ausführungen sollen nicht als Fundamentalkritik an den Medien verstanden werden. Vielmehr sollen sie die unausweichlichen Probleme aufzeigen, derer sich sowohl Medienproduzenten, als auch –konsumenten bewusst sein sollen, um sinnvoll mit der medialen Wirklichkeit umgehen zu können. Wie werden wir uns aber beim tagtäglichen Lesen, Hören und Schauen der aktuellen Nachrichten dessen bewusst? Wie können wir den Medien und uns selbst dabei auf die Schliche kommen, wie unsere Weltbilder geformt werden?

Jegliche Berichterstattung ist (notwendigerweise) selektiv, es wird also nur über einen Ausschnitt der Welt berichtet. Medien treffen immer eine Vorauswahl was die Konsumenten interessieren könnte. So kauft man mit einem gewissen „Blatt“ auch immer eine gewisse „Blattlinie“ mit, und befindet sich in einer „medialen Blase“.

Hier müsste nun das Credo des  guten Journalismus („Check, Recheck, Doublecheck“) auch zum Credo des vernünftigen Medienkonsums werden. Man sollte auch über den Tellerrand der eigenen „Lieblingsmedien“ blicken, ihre Sichtweisen jenen von anderen Medien gegenüberstellen, Originalquellen suchen, und sich über die Redaktionen und Journalisten im Hintergrund informieren. Nur so bekommt man nach und nach ein Gefühl für das veröffentlichte Meinungsspektrum und die verschiedenen Blattlinien, und kommt so zu einem bewussten und reflektierten Medienkonsum. Ein paar Übungen für die ersten Schritte:

  • Suchen Sie sich ein aktuelles Thema aus (je kontroverser desto besser) und suchen Sie von allen geläufigen Medien (von „Boulevard“ bis „Qualität“) Onlineberichte darüber. Verfallen Sie aber nicht in Panik, über die angeblichen Falschmeldungen. Realisieren Sie, dass es für jedes Medium Leute gibt, die ihr gesamtes Wissen über das aktuelle Geschehen darauf beziehen und ihr Weltbild darauf gründen. Wenn Sie also das nächste Mal mit jemandem in einen Streit über ein aktuelles Thema geraten, bedenken Sie, dass Ihr Gegenüber nicht unbedingt mit demselben Wissen wie sie einen falschen Schluss gezogen hat. Vielmehr kann die Person mit einem anderen Vorwissen in die Diskussion gestartet sein. Und den anderen wird es mit Ihnen genauso gehen.
  • Konsumieren Sie eine Woche lang ausschließlich jene Medien, die sie normalerweise nie zu Rate ziehen würden. Ziehen sie danach Bilanz, was das mit Ihnen und Ihrer Sicht auf die Welt gemacht hat.
  • Die radikalste Übung: Eine Woche Mediendiät. Vermieden Sie bewusst jegliche aktuelle Berichterstattung. Keine Zeitungen, keine Fernsehnachrichten, kein Teletext, keine sozialen Medien, keine Gratiszeitungen in der U-Bahn. Nichts. Das klingt für viele nach einem tiefen Einschnitt in den gewohnten Alltag. Aber was ändert eine solche Kur? Verpassen Sie etwas? Gewinnen Sie Zeit? Verlieren Sie Gesprächsstoff? Der Ausgang ist offen, aber einen Versuch ist es wert. Erst durch solche radikalen Schritte werden wir uns oft dem Offensichtlichsten bewusst.

Durch diese Fingerübungen kann man sich selbst zum Untersuchungsobjekt machen, und einen Reflexionsprozess in Gang bringen. Gerade in Bezug auf Medienkonsum scheint dies aktuell, und in einer gelebten Demokratie ist es ohnehin notwendig. Auch der „Zukunftsforscher“ Matthias Horx sieht „Mediale Kompetenz“ in seinem Zukunftsreport 2017 als ganz zentral an, sowohl jetzt, aber noch mehr für kommende Generationen. Medienprodukte und den eigenen Umgang damit zu hinterfragen sei gerade in einer „übermedialisierten, hysterisierten Medienkultur“ von großer Bedeutung. Medien können positive, als auch negative Einflüsse auf unser Leben und unsere Sicht auf die Welt haben.

Eine wichtige Erkenntnis ist es aber, dass es zu großen Teilen in unseren eigenen Händen liegt das zu bestimmen. Subsumiert wird dieser Zugang durch ein Zitat aus dem Zukunftsreport zum Thema Medienkompetenz, das zugleich die Essenz meiner Botschaft zum selbstkritischen Medienkonsum enthält: „Paying attention to what we are paying attention to.“ Das sollten wir alle machen.

Quellen & Lese-Tipps:

Der vorliegende Blog-Beitrag wurde im Rahmen des Medienkompetenz-Lehrgangs verfasst, von dem sich der Autor neues Handwerkzeug für die Vermittlung medialer Kompetenz für seine zukünftige Tätigkeit als Lehrer erhofft.

  1. Sehr interessanter Beitrag, regt zum Nachdenken an! Zu vergleichen, Hintergründe zu recherchieren und selbst das Credo guter Journalisten anzuwenden wäre natürlich die Idealsituation….ist aber natürlich schwierig umzusetzen, wenn man pausenlos von allen Seiten mit Content überflutet wird und gar nicht mehr weiß, wo man anfangen soll.

    eine Nachrichtendiät würde sicher einigen Stress aus dem Alltag nehmen, aber wir müssen uns fragen wie realisierbar so etwas heutzutage überhaupt noch ist. Da dürfte man ja nichtmal mehr auf Whatsapp schauen, müsste alle Push-Nachrichtendienste deaktivieren, Facebook löschen,…

    btw: das mit den Headline-Versionen, die je nach Klicks ausgesucht werden kannte ich gar nicht. Sehr spannend!

    1. Stimmt (leider), dass das nicht realistisch ist und für den einzelnen Medienkonsumenten schwer umsetzbar ist.
      Wenn aber ein Reflexionsprozess und eigene Recherche wegen der Informationsflut in der heutigen Medienlandhschaft für kaum jemanden machbar ist: Sind wir dann überhaupt noch in der Lage uns eigene Meinungen zu bilden? Übernehmen wir dann nicht permanent nur das, was wir in den Medien oder von Freunden hören?

  2. Sehr interessanter Beitrag der nicht nur die Herausforderungen der modernen Medienberichterstattung im Vergleich zu und im Zusammenhang mit sozialen Medien hervorhebt, sondern auch den Medienkonsument in die Verantwortung zieht, welche Informationen er oder sie aus den Medien erhält.
    Eine Konfliktquelle die meiner Meinung nach zu oft unterschätzt bzw. übersehen wird.

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